Über die Kreativitätslosigkeit und G‘-Mentalität des „linken“ Presse- und Verlagswesens

Ein Diskussionsanstoß

„…ist die Presse frei, die sich zum Gewerbe herabwürdigt?“ (MEW Bd. 1, S. 70)

„Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein. Dem Schriftsteller, der sie zum materiellen Mittel herabsetzt, gebührt als Strafe dieser inneren Unfreiheit die äußere…“ (MEW Bd. 1, S. 71)

Warum dieser Beitrag? Weil er mehr als überfällig und es endlich Zeit ist das Phänomen der G‘- und Gewerbementalität und die damit zusammenhängende Kreativitätslosigkeit der „linken“ Zeitungen und Buchverlage zu thematisieren. Also geht es um Glaubwürdigkeit und Selbsttäuschung und um Digitalisierung im wahrsten Sinne des Wortes und Anonymität. Das Thema beschäftigt mich persönlich schon seit etlichen Jahren und die Überschrift geistert ebenso lang schon durch meine Bahnungen. Ausgelöst durch ein „Twitter-Scharmützel“ bricht er sich nun Bahn.

Vorab

Was bedeutet linke Politik und was ist ihr Ziel? Linke Politik bedeutet sich der Sozialen Frage anzunehmen und die herrschenden sozioökonomischen Gesellschaftsverhältnisse vom emanzipatorischen und gesellschaftskritischen Standpunkt aus zu thematisieren, zu kritisieren und Alternativen und Wege aufzuzeigen dieses gesellschaftliche Reich der Notwendigkeiten zu überwinden. Ihr Ziel ist die allseitige und umfassende Emanzipation eines jeden Individuums. Also das Reich der Freiheit aufzuzeigen und sich dorthin aufzumachen. Dies passiert indem die Individuen erstens ein Bewusstsein von den sie unterdrückenden und ausbeutenden Verhältnisse bekommen und zweitens gemeinsam alternative Möglichkeiten zu ihrer Selbstbefreiung entwickeln. Sprich, dass sie ein Klassenbewusstsein und eine emanzipatorische Praxis entwickeln. Voraussetzung für Bewusstsein ist gemäß materialistischer Informationstheorie Wissen, welches wiederum auf Informationen basiert. Was passiert aber mit Informationen und Wissen in Gesellschaften in denen kapitalistische Produktionsweise vorherrscht? Sie sind ohne alternative Räume und Möglichkeiten der G‘- und Akkumulationslogik unterworfen. Somit nicht frei zugänglich und die nach Emanzipation dürstenden Individuen sind von ihnen ausgeschlossen, weil sich der Zugriff auf diese hinter einer Paywall befindet. Selbst jene im „linken“ Gewand“.

Status Quo

Die aktuelle Lage des sogenannten „linken“ Presse- und Verlagswesens entspricht genau diesem Bild. Nehmen wir beispielsweise die beiden führenden linken Tageszeitungen in Deutschland. neues deutschland (nd) und junge Welt (jW). Dass Artikel aktueller Ausgaben mit einer Paywall bzw. Abowall geschützt sind, lässt sich noch halbwegs nachvollziehen, aber dass ältere Artikel im Archiv ebenso nur gegen Bezahlung zugänglich sind und sogar das nd-Archiv von 1946-1990 nicht frei zugänglich ist, lässt weit blicken. Bei der jW sind meist neuere Artikel in der Regel nach 1-2 Tagen frei zugänglich und verschwinden dann erst nach einer bestimmten Zeit hinter der Bezahlmauer. Beim nd scheint dies aktuell auch Praxis zu sein. Wer sich mit beiden Zeitungsportalen länger beschäftigt, weiß auch das diese in der Vergangenheit schon einiges ausprobiert haben. Die bürgerlichen Tageszeitungen, von denen einige bis vor kurzer Zeit noch Vollzugriff aufs Archiv erlaubten, sind im selben Findungsmodus.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass man sogar bei einem Onlineabo seinen Klarnamen und seine Adressdaten hinterlegen muss und nur klassische Bezahlfunktionen (bspw. Lastschrift, Rechnung) angeboten werden. Und das in Zeiten der Post-Snowden-Enthüllungen und indem Big-Dat maßlos um sich greift. Beide Tageszeitungen sind sogar in vielen Punkten Vorreiter in der Kritik und Berichterstattung über diesen Themenkomplex, aber haben selbst nichts bezüglich anonymisierten Abo- und Bezahlmöglichkeiten zu bieten. Aber wenigstens haben sie schon einmal den digitalen Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft, was man vom „linken“ Verlagswesen nicht behaupten kann.

So gut wie alle namhaften Verlage des „linken“ Buchwesens haben kein Digitalsortiment oder es ist so klein und belanglos, dass man sich das auch sparen könnte. Warum eigentlich? An der digitalen Technologie selbst kann es nicht liegen, denn die Bücher werden wohl in elektronischer Form an den Verlag gesendet und meist als PDF in die Druckerei geschickt. Oder passiert das alles noch als klassische Schriftsetzerei? Natürlich nicht. Der einzige Grund ist die verdammte G‘-Mentalität. Wenn digitale Kopien verkauft werden, sind sie irgendwann natürlich auch frei im Netz verfügbar. Also wird beharrlich die Digitalisierungsmöglichkeit verweigert. Wenn es linke eBooks gibt, dann sind sie der Anstrengung Unbekannter zu verdanken. Wie Beispielsweise die elektronischen MEW und Mega², die im Netz runtergeladen werden können. Beim Karl Dietz Verlag Berlin gibt es lediglich eine USB-Version der MEW zum Preis von 99,- €.

Aber auch bei den meisten Theoriezeitschriften sieht es nicht besser aus. Eine digitale Ausgabe der Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung sucht man vergeblich, auch das Archiv ist nicht digitalisiert und um einen Artikel zu lesen, muss man sich ein altes Heft als „totes Holz“ bestellen, natürlich unter Angabe von Klarnamen und Adresse. Bei den Zeitschriften, bei denen das Archiv teilweise digitalisiert und frei zugänglich sind, vermisst man wiederum die Kaufmöglichkeit einer aktuellen digitalen Ausgabe. Siehe PROKLA. Interessierte müssen drei Jahre warten, um diese dann im Archiv runterladen zu können.

Rühmliche Ausnahmen im linken Spektrum sind die Wochenzeitung Jungle World und die Zeitschrift Gegenstandpunkt. Alle Ausgaben und Artikel der Jungle World sind digitalisiert und frei zugänglich. Seit neuestem sogar mit PDF-Funktion wie ehemals bei der Zeit. Auch das Archiv des Gegenstandpunktes ist digitalisiert und frei zugänglich. Sogar die alten Sachen aus MG-Zeiten und das MEW als klassisches Textformat. Alle aktuellen Bücher des Verlags sind als digitale Ausgaben erwerblich.

Wie geht’s weiter?

Wie oben bereits konstatiert liegt das Hauptproblem des „linken“ Presse- und Verlagswesens in der Tatsache, dass es zum Gewerbe verkommen ist und sich somit selbst diskreditiert. Glaubwürdigkeit, insbesondre in den jetzigen Zeiten ist essentieller denn je für eine soziale und emanzipatorische Zukunftsalternative und deren politische Praxis. Genauso essentiell wie der freie Zugang zu gesellschaftskritischem Wissen und bewusstseinsfördernden Informationen.

Wie bereits die obigen Zitate von Onkel Marx situationsbezogenen interpretiert zeigen, ist der Schritt ins Gewerbe unweigerlich mit dem sich den ökonomischen Zwängen ausliefern verbunden. Wenn der freie, digitale und anonyme Zugang zu bewusstseinsförderndem Wissen und Informationen weiterhin verweigert wird, ist das Lamentieren über neokonservativen Rechtsruck und spätkapitalistischer Atomisierung hinter Bezahlmauern nichts als intellektuelle Heuchelei. Denn solange gesellschaftskritisches und emanzipatorisches Wissen der G’- und Gewerbementalität untergeordnet wird, bleibt nicht nur die Zukunft aus, sondern den täglichen Realitätszumutungen wird sogar ein kritisches Wort versagt.

Der äußere Zwang kann nur mit gemeinsamer und kreativer Anstrengung aller linker Presse- und Buchverlage durchbrochen werden. In Form von Crowdfunding und -sourcing oder Genossenschaften etc.  Ob es sich nun um anonyme und plattformübergreifende Zugangs- und Bezahlsysteme handelt wie Prepaid oder Onlineabos oder andere kreative Nutzungsmöglichkeiten.

Es wird Zeit den eigenen emanzipatorischen Ansprüchen gerecht zu werden oder gemaß der eigenen G‘-Mentalität weiter folgend: „Après moi le déluge! (MEW Bd. 23, S. 285)

Dr. Seditious oder wie ich lernte, die Kybernetik zu lieben

„Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ (Heinz von Foerster)

„Nur der Wahnsinnige ist sich absolut sicher.“ (Robert A. Wilson, Masken der Illuminaten)

Als ich letzte Woche Tweets mit dem Link zum Artikel ‚Glaubwürdige Digitalisierungskritik muss präzise sein‘ von Nick Haflinger aka Joachim Paul auf Rubikon.news bemerkte, habe ich diesen sofort markiert und in meine Leseliste mitaufgenommen. Im Laufe dieser Woche hatte ich dann endlich auch mal Zeit und Muße mich dem Artikel zu widmen. Doch als ich die URL aufrief, prangte da nur in fettmarkierten Lettern: „Die gesuchte Seite wurde leider nicht gefunden.“

Aber ich wusste genau, dass es den Artikel geben musste und, dass er von Joachim war. Also suchte ich auf der Rubikon Seite über die Suchfunktion und klickte mich durch die Artikelauflistung. Jedoch ohne Erfolg. Als hätte es den Artikel nie gegeben. Erst über eine Websuche sah ich, dass Joachim den Artikel auf seinem Blog gepostet hatte. Mit einer Vorbemerkung, dass dieser von Rubikon ohne Vorankündigung und Benachrichtigung depubliziert wurde. Sie würden ihn wieder online stellen, wenn er diesen überarbeiten würde. Aber wer Joachim kennt…

Also, das was und wie Rubikon es gemacht hat, diskreditiert dieses angebliche Magazin für die kritische Masse nachhaltig, auch wenn es Joachim selbst nicht so publik machen will. Der Start, die ersten Beiträge und vor allem die Beiratsmitglieder machten Hoffnung. Aber es scheint sich auch hier das eherne Gesetz der Oligarchie durchgesetzt zu haben. Heimliche Zensur ohne Transparenz. Warum? Weil Joachims Beitrag angeblich zu harsch und zu persönlich sei.

Wer Joachim kennt, weiß dass er einer der progressivsten Geister innerhalb der Piratenpartei ist und unter den ganzen Systemadministratoren durch seinen kritischen Sachverstand hervorsticht. Er ist auch ein Vordenker in der Digitalisierungsdebatte und im Kybernetikdiskurs.

Nachdem ich den Artikel nun gelesen hatte, war weder eine wirkliche Harschheit, noch ein wirkliches Persönlichwerden konstatierbar. Statt einer Löschung, die einer heimlichen Zensur gleichkommt, hätte ich mir bei einem Kaliber wie Rubikon eine inhaltliche Kritik oder subversive Replik gewünscht. Aber da Rubikon schon nach so kurzer Zeit dem von ihnen kritisierten Gebaren des Mainstreamjournalismus anheimgefallen zu seien scheint, antworte ich meinem ehemaligen Parteifreund auf meine persönliche Art und Weise.

Cyberfetischismus. Das ist der Begriff der den Artikel von Joachim am besten charakterisiert. Mit dem Begriff beschreibt César Rendueles in seinem Werk ‚Soziophobie – Politischer Wandel im Zeitalter der digitalen Utopie‘, linke und emanzipatorische Anstrengungen in der Digitalisierung ein Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Probleme zusehen. Dieser Standpunkt trifft insbesondere auch auf Joachim zu. Mit dem Unterschied, dass er sich auch mit der Ursprungsgeschichte der Digitalisierung beschäftigt und die emanzipatorische Potentialerkennung auch auf die Kybernetik ausgeweitet hat. Deswegen reagiert er auch so emotional auf die Aussagen von Ralf Lankau. Denn dieser hat nun einmal in ketzerischer Manier auf einen Punkt in der Geschichte der Kybernetik hingewiesen, den alle Kybernetikeiferer nicht wahrhaben wollen und immer wieder versuchen zu entkräften.

Natürlich gibt es DIE Kybernetik nicht, aber sie hat eine Geschichte. Und diese beginnt mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des Kalten Krieges. Über die Macy-Konferenzen wurde mehr als genug geschrieben. Und ja, sie sind die Gebärmutter der modernen Kybernetik. Ihr Ziel war gesellschaftliche Steuerung und Kontrolle, aber auch die Verflüssigung antikapitalistischer Werte. Ein Blick in die Protokolle reicht dafür aus. Außerdem sollte man sich auch die Teilnehmer_innenliste anschauen. Zu ihnen gehörte beispielsweise John von Neumann. Ein eingefleischter Antikommunist und Kriegsverbrecher. Er berechnete die optimale Detonationshöhe der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, um die größtmögliche Anzahl ziviler Toter zu erreichen.

Der Name von Neumann ist auch fest mit der Spieltheorie verknüpft. Die ja quasi auf dem behavioristischen Weltbild fußt. Oder wer kam auf die spieltheoretische Idee die Wasserstoffbombe zuerst zu zünden? Und ja, die Kybernetik der Macy-Konferenzen ist durch und durch mechanistisch und reduktionistisch. Dies erklärt auch die Linie über den Behaviorismus zur Spieltheorie und die Steuerungs- und Allmachtsphantasien dieser selbsternannten Universalwissenschaftler.

Und dieser erlauchte Kreis soll die Speerspitze der kybernetischen Subversion sein? Aber was machen dann unsere Eiferer gegen unerschütterliche Tatsachen? Reflexion? Selbstkritik? Fehlanzeige. Stafford Beer muss wieder mal mit seinem Cybersyn-Projekt im Allende-Chile als Feigenblatt herhalten. Schaut die Kybernetik ist links, sogar im tiefsten inneren sozialistisch. Dann sollte man sich bitte mit der Geschichte der Kybernetik in der Sowjetunion und der DDR beschäftigen. Oder wenigstens mal bei Bogdanov reingeschnuppert haben.

Leider gibt es sehr wenig deutsche Literatur zum Cybersyn. Interessierte können sich, wenn auch belletristisch, bei Sascha Reh’s Roman ‚Gegen die Zeit‘ in das Thema einlesen.

Das Cybersyn wird immer wieder gerne als Rechtfertigung für das Emanzipatorische und Subversive der Kybernetik herangezogen. Auch die Wirkung und Auswirkung des Projektes wird idealisiert und überhöht. Und solch einen apolitischen Charakter wie Stafford Beer als emanzipatorischen Subversiven darzustellen grenzt schon echt an Realitätsverweigerung. Wenn Pinochet das Projekt weitergeführt hätte, dann hätte sich Beer höchstwahrscheinlich nicht verweigert. Oder ist auch nur eine verurteilende Stellungnahme Beers zum Putsch und dem anschließenden neoliberalen Faschismus in Chile bekannt? Und bitte auch nicht vergessen, dass er der Vater der Management-Kybernetik ist, also der Wissenschaft der effektiven Akkumulationslogik. Subversiv? My ass wie die US-Amerikaner zu pflegen sagen. Übrigens auch Friedrich August von Hayek hat ein Buch über Freiheit geschrieben. Nur welche Freiheit ist denn gemeint?

Der Grundfehler der kybernetischen Cyberfetischisten ist es sich die Kybernetik ahistorisch und als Neutrum anzueignen. Und verschiedene Epochen der kybernetischen Entwicklung einfach durcheinander zuwerfen. Wie Robert Feustel in seinem wieder einmal viel zu wenig beachteten Werk ‚Ein Anzug aus Strom – LSD, Kybernetik und die psychedelische Revolution‘ beschreibt, entwickelte sich so etwas wie eine subversive Kybernetik erst als sie sich mit der Counterculture (New Left-, Beatnik-, LSD-Kultur) der Sechziger vereinte oder von ihr antizipiert wurde. Dies auch der Grund für das synchrone Ende von LSD- und Kybernetik-Hype. Jedenfalls sollte man sich mit der Geschichte der Kybernetik mit Tiefgang auseinandersetzen und nicht einfach Hippies mit Kriegsverbrechern gleichsetzen. Sondern erst einmal begrifflich klären, von welcher Kybernetik wir reden.

Denn nach der Logik der Kybernetikeiferer wäre die Kybernetik des US-militärisch-industriellen Komplexes zutiefst antifaschistisch, weil seine Zeugungsstunde mit dem Kampf gegen den Hitlerfaschismus zusammenfiel. Und die Entwicklungen danach? Es ist nicht eine kritische Äußerung der angeblich subversiven Kybernetiker gegen den US-Imperialismus und seine Kriegsverbrechen überliefert.

Auch wenn es wehtut und man es nicht wahrhaben will, die Kybernetik von der Joachim so sehr schwärmt war ein Produkt und Kind des Kalten Krieges um den Klassenfeind zu besiegen. Ebenso die ganze digitale Technik, die gleichzeitig dem Neoliberalismus den Weg geebnet hat. Ja, sie hatte einmal eine subversive Phase, die ist heute aber ad absurdum geführt. Denn Technologie ist nicht neutral. Und solange wir dies nicht sehen und erkennen wollen, werden wir uns immer wieder wundern, warum sie nicht Freiheit, Gleichheit und Solidarität bringt, sondern Zwangsherrschaft, Ungleichheit und Atomisierung. Und warum der Neoliberalismus auf ihren Wogen daherkommt.

Denn wie Wau Holland schon sagte, die Beschäftigung mit Technologien und Computern setzt voraus, dass man die gesellschaftliche Dimension mitberücksichtigt und sich auch mit ihr auseinandersetzt. Auch mit den Macht- und Herrschaftsstrukturen und wirtschaftlichen Interessen. In diesem Sinne…

Es wird Zeit den eigenen Realitätstunnel zu verlassen und sich mit der Materie allumfassend zu widmen und nicht Halbwissenden wie Ralf Lankau zu überlassen.

Marx 2037: Episode I #hackingreality

Morpheus: „…Ich will dir sagen, wieso du hier bist. Du bist hier, weil du etwas weißt, etwas, dass du nicht erklären kannst, aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der Dich verrückt macht. Dieses Gefühl hat Dich zu mir geführt. Weißt du wovon ich spreche?“
Neo: „Von der Matrix?“
Morpheus: „Möchtest du wissen, was genau Sie ist? Die Matrix ist allgegenwärtig, sie umgibt uns, selbst hier ist sie, in diesem Zimmer. Du siehst sie, wenn du aus dem Fenster guckst, oder den Fernseher anmachst. Du kannst sie spüren, wenn du zur Arbeit gehst. Oder in die Kirche, und wenn du deine Steuern zahlst. Es ist eine Scheinwelt, die man dir vorgaukelt, um Dich von der Wahrheit abzulenken.“
Neo: „Welche Wahrheit?“
Morpheus: „Das du ein Sklave bist, Neo. Du wurdest wie alle in die Sklaverei geboren, und lebst in einem Gefängnis, das du weder anfassen noch riechen kannst. Ein Gefängnis für deinen Verstand. Dummerweise ist es schwer jemandem zu erklären, was die Matrix ist. Jeder muss sie selbst erleben. [beugt sich zu ihm] Dies ist deine letzte Chance – danach gibt es kein Zurück. [öffnet seine Hand] Schluckst du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das was du glauben willst. [öffnet die andere Hand] Schluckst du die rote Kapsel, bleibst du im Wunderland, und ich führe Dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus. [Neo greift nach der roten Kapsel] Bedenke: Alles was ich dir anbiete ist die Wahrheit, nicht mehr. [Neo schluckt die rote Kapsel] Folge mir.“ (The Matrix)

„Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will. Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr Bewußtsein innewerden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt…“ (MEW, Bd. 1, S. 345 ff.)

Wolfgang Eßbach hat einmal in einer seiner Vorlesungen behauptet, dass es bei  Marx keinen naiven Anfang gibt. Denn vor der Beschäftigung mit Marx stehe die mehr als hundertfünfzigjährige Geschichte der marxistischen Traditionen, Strömungen und Interpretationen. So wie viele andere Denker_innen auch, wurde der Trierer Rauschebart dutzende Male für irrelevant, als widerlegt und für tot erklärt. Doch der tote Hund schafft es immer wieder aufzuerstehen und sich durch die bürgerliche Presse- und Verlagswelt zu beißen. Und das, trotz aller vergangener Marxismen und untergegangener staatskapitalistischer Gesellschaftsprojekte.

Der Begriff naiv geht auf das Französische zurück und bedeutet ursprünglich, natürlich, echt. Erst später wurde es zum Synonym für kindlich, unbefangen und arglos. Diese Merkmale sind typisch fürs Hacken.

Hacken bedeutet die spielerische Auseinandersetzung mit realen Systemen um ihnen auf den Grund zu gehen und über sie Macht auszuüben. Denn gewöhnlich üben Systeme selbst Zwänge und Macht aus. Durch das Hacken erhält man aber Einblick und Wissen über das Wesen, die Funktionsweisen und den Aufbau von Systemen, die üblicherweise verborgen und unzugänglich sind. Somit kann man Möglichkeiten ergründen wie Systeme zweckentfremdet werden können, beispielsweise um herauszufinden wie mit einer Kaffeemaschine Toast zubereitet werden kann. Also geht es beim Hacken eigentlich um das Umfunktionieren des Systemzwecks und somit um die Eliminierung von totalitären Systemnotwendigkeiten und Zwängen.

Laut Wau Holland – einer verstorbener Ikone der Hackerkultur, der Onkel Marx auch äußerlich nicht unähnlich sah – ist Hacken eine Form sozialer und politischer Gesellschaftskritik. Denn die Beschäftigung mit Technologien und Computern setzt voraus, dass man die gesellschaftliche Dimension mit berücksichtigt und sich auch mit ihr auseinandersetzt.

Interessanterweise treffen all diese Eigenschaften auch auf Karl Marx zu. Kann es vielleicht sein, dass er selbst ein Hacker, ein Realitätenhacker war? Hier der Versuch einer hacktivistischen Aneignung von Marx Mohr.

Aktuell erleben wir wieder ein Revival der Marxschen Gesellschaftskritik. Immer wenn das kapitalistische System seinen immanenten gesetzmäßigen Tendenzen folgt und entsprechende Emergenzen und Fraktale produziert, erlebt der Totgesagte seine Wiederauferstehung und wird für seine Weitsicht und Treffsicherheit gefeiert und darf am lebendigen Diskurs teilnehmen. Aber warum werden die ökonomischen Charaktermasken des Kapitals Marx‘ Gespenster nicht los? Denn sie rufen sie immerfort selbst, indem sie die Verhältnisse ihres Erscheinens mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses selbst produzieren. Ob Globalisierung, Finanzkrise, zunehmende soziale Ungleichheit, Marx hatte das meiste bereits exakt vorhergesagt. Wie er das geschafft hat, ohne Zeitmaschine und nächtlichem Besuch der Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Akkumulation? Weil er das Wesen, die Funktionsweisen und den Aufbau, sprich die Anatomie der „bürgerlichen Gesellschaft“ (ein Hegelbegriff), also das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft gehackt hat.

tbc

Über Aufrichtigkeit oder warum #NewWork eigentlich #NewLabor ist

„Die Arbeit kömmt nur unter der Gestalt der Erwerbstätigkeit in der Nationalökonomie vor.“ (MEW, Bd. 40, S. 477)

„Die englische Sprache hat den Vorzug, zwei verschiedne Worte für diese zwei verschiednen Aspekte der Arbeit zu haben. Die Arbeit, die Gebrauchswerte schafft und qualitativ bestimmt ist, heißt work, im Gegensatz zu labour; die Arbeit, die Wert schafft und nur quantitativ gemessen wird, heißt labour, im Gegensatz zu work.“ (MEW, Bd. 23, S. 61 ff.)

Dieses sechste Gedankenfragment über die sogenannte Neue Arbeit oder Arbeit 4.0 wird vorerst der letzte Beitrag zum Themenkomplex #NewWork sein. Ich komme hiermit Winfrieds Aufforderung nach, meinen Gedankengang zu den Begrifflichkeiten Work und Labour, nachträglich schriftlich (digital) zu fixieren und für mehr Aufrichtigkeit zu plädieren.

Wie Siegfried (Lautenbacher) und Alexander (Klier), bin auch ich ein „Begriffspedant“. Warum Begriffe so wichtig sind, können Interessierte in diesem Gedankenfragment nachlesen.

Auch in der aktuellen Blogparade #NewWork17 geht es notwendigerweise um Begriffsbesetzung, Begriffsbedeutung und -deutung, also um Aneignung und Deutungshoheit. Aber selbst der Urheber des #NewWork Konzeptes Frithjof Bergmann hat keinen Monopolanspruch auf den Begriff #NewWork. In ihrem Beitrag haben Siegfried und Alexander die Unzulänglichkeiten und Widersprüche Bergmanns gekonnt herausgestellt und zu einer notwendigen Emanzipierung von ihm aufgerufen.

Beim Themenkomplex Arbeit, handelt es sich nun einmal um ein sehr umfangreiches und komplexes Thema. Ein Thema welches eigentlich eine systemisch dialektische Beschäftigung verdient hätte. Dafür ist selbstverständlich in einer Blogparade und einigen Bücherveröffentlichungen nicht ausreichend Platz. Jedoch wäre eine aufrichtige und ernstgemeinte Diskussion schon einmal eine hilfreiche Inspiration. Interessierte können sich gerne Leseanregungen aus der Knowledge Base holen, die sukzessive upgedatet wird.

Aber in Zeiten von Twitter, Facebook und Co. fällt es schon schwer Blogbeiträge vollständig zu lesen, geschweige denn zu verstehen. Aber wie sagte mein Onkel immer: „Du warst der Einzige der mich verstanden hat, aber leider hast Du mich falsch verstanden.“

Im Deutschen kennen und benutzen wir meist das Wort Arbeit als Universalbegriff. Es bezeichnet einerseits eine produktive Tätigkeit, ein zweckgerichtetes Handeln, andererseits eine Aufgabe, eine Arbeitsstelle und einen Arbeitsplatz. Es steht aber auch für Ergebnis, Werk oder Produkt. Selbst Friedrich Engels konnte sich eine Kritik bezüglich dieses Verwendungswirrwarrs nicht verkneifen:

„Es konnte mir nicht in den Sinn kommen, in das „Kapital“ den landläufigen Jargon einzuführen, in Welchem deutsche Ökonomen sich auszudrücken pflegen, jenes Kauderwelsch, worin z.B. derjenige, der sich für bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben läßt, der Arbeitgeber heißt, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm für Lohn abgenommen wird. Auch im Französischen wird travail im gewöhnlichen Leben im Sinn von „Beschäftigung“ gebraucht. Mit Recht aber würden die Franzosen den Ökonomen für verrückt halten, der den Kapitalisten donneur de travail, und den Arbeiter receveur de travail nennen wollte. (MEW, Bd. 23, S. 34)

Doch scheint dem General entgangen zu sein, dass selbst das von ihm bewunderte Lockengenie das Wort Arbeitgeber im besagten Werk selbst an einer Stelle benutzt hat. Aber egal.

Etymologisch geht das Wort zurück auf das Germanische und bedeutet Mühsal, Plage, Leid. Es hat auch eine Verbindung zum Begriff verwaist, Waise. Also bedeutet der Begriff ein verwaistes Kind, dass aus Not zu harter Arbeit gezwungen ist. Diese Bedeutung sagt nicht nur etwas über die Gesellschaftsformation, in der der Begriff erzeugt und definiert wurde, sondern er trifft im Kern auch die heutige Problematik unserer Produktionsweise. Über das Altslawische „rabota“, welches Knechtschaft, Sklaverei bedeutet, wurde es dann zum Roboter. Und somit zum Verb „roboten“ wie Start-Upper abfällig die fremde Arbeit bezeichnen, die sie sich aneignen.

Das Pendant zum deutschen Arbeiten wäre im Englischen der Begriff Labour. Laut dem Oxford Dictionary kommt es aus dem Altfranzösischen und hat seinen Ursprung im Lateinischen. Damit wäre auch die eigentliche Bedeutung von Kollaboration geklärt. Nur mal so als Anmerkung für alle Collaboration Fans.

Im Gegensatz zum Deutschen gibt es im angelsächsischen Sprachraum noch das Wort Work/Working. Welches aus dem Mittelenglischen kommt und seinen Ursprung im Germanischen und im Indoeuropäischen hat. Es bedeutet wirken, werken, wirksam, wirkend. Auch der Begriff Wirklichkeit – die Begriffe Wirklichkeit und Bildung gibt es übrigens nur im Deutschen und beide sind von Meister Eckhart – geht darauf zurück. Werken bedeutet aber auch werden. Ob als Subjekt oder Objekt. Also ein dialektischer Prozess. Auch der Begriff der Würde geht etymologisch auf Werden zurück. Somit kann zusammenfassend gesagt werden:

  • Alle Begriffe, die auf den Wortstamm labour/lobar zurückgehen, haben etwas mit Zwang, Not, Leid, Knechtschaft, usw. zutun. Es handelt sich hierbei um die notwendige, sklavische Arbeit. Also um Lohn- und Erwerbsarbeit. Sie ist charakterisiert durch Erduldung, Entfremdung und Fremdbestimmung.
  • Alle Begriffe aus der Wortfamilie work/werk haben etwas mit Wirksamkeit, mit Werken, mit Werden und Würde zu tun. Es ist die anziehende Tätigkeit, das Hobby, bei dem Raum und Zeit vergessen wird. Sie ist charakterisiert durch Freiheit, Spiel und Selbstbestimmung.

Wobei handelt es sich also dann bei #NewWork? Wie bereits Onkel Marx im Anfangszitat festgestellt hat, meinen die Vordenker, Influencer, selbsternannten Propheten und Hofnarren des #NewWork mit Arbeit nichts Anderes als Labour/Labor. Mit ihren Begriffsverflüssigungen wollen sie nur verschleiern, dass sie aus den Arbeitnehmer_innen Unternehmenshobbyisten machen wollen. Aber sie vergessen, dass eine Verflüssigung der Begrifflichkeiten unweigerlich auch eine Verflüssigung des Denkens mit sich bringt.

Als Legitimationsgrundlage für das neue Geschäftsfeld #NewWork dienen neben den „Naturereignissen“ Digitalisierung, Industrie 4.0 und Automatisierung, der Neusprech von der human-/mitarbeiterzentrierten Unternehmensorganisation als ganzheitliche Transformation. Als wenn es wirklich um die Interessen der Arbeitenden gehen würde. Keine Frage, sollte als Abfallprodukt der aktuell gehypten Heilsversprechen, den arbeitenden Individuen mehr Freiraum, Selbstbestimmung und Autonomie ermöglicht werden, wäre dies zu begrüßen. Doch das wird nicht passieren, genauso wenig wie das Internet automatisch mehr Partizipation und Transparenz für die Bürger_innen gebracht hat. Ein Diskurs ohne Berücksichtigung der strukturellen Macht- und Herrschaftsstrukturen ist nichts Anderes als Ideologie.

Die Muster scheinen aber immer dieselben zu sein, sie sind so alt wie die gesellschaftlichen Interessenskonflikte selbst:

„Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen.“ (MEW, Bd. 3, S. 47)

Also braucht die ganze #NewWork Debatte nicht nur mehr Heiligen Zorn, konkrete utopische Forderungen, sondern zuallererst Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen, damit aus #NewWork nicht ganzheitliche Ausbeutung und Kontrolle 4.0 wird.

Dass Unternehmen Profit machen und arbeitende Individuen Geld verdienen müssen, ist Realität und Alltagsbewusstsein. Ebenso, dass daraus Konflikte entstehen. Die Lösungen hierfür liegen aber nicht in der Vernebelungs- und Verschleierungstaktik der Coaching- und Beratungsindustrie, sondern ganz woanders. Aber das ist Thema eines anderen Diskurses (#NewEconomy).

Deswegen mein Schlussappel: Lasst uns einfach aufrichtig sein und die Dinge beim Namen nennen. Oder glauben wir wirklich, dass die Betroffenen die ganze Marketingmaschinerie nicht durchschauen? Dann sind wir überheblicher, selbstgerechter und realitätsferner als die ganze Debatte vermuten und erahnen lässt. In diesem Sinne…

„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“ (Ingeborg Bachmann)

Über die #NewWork Pharisäer oder warum Onkel Tom Freiheit nicht denken kann

„The grabbing hands grab all they can
All for themselves – after all
It’s a competitive world
Everything counts in large amounts“
(Depeche Mode, Everything Counts)

Am 22. Mai wurde auf dem vom Winfried (Felser) moderierten Event der Detecon International GmbH, das bereits als neuer Hype gelobhudelte Buch ‚New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt‘ von Benedikt Hackl et al. vorgestellt.

Winfried plädierte gemäß der Tradition des Alten Testaments für mehr Heiligen Zorn in der #NewWork Debatte. Auch das Neue Testament steht ganz in der Linie dieses Alten Bundes.

Im Sinne dieser Neutestamentarischen Tradition folge ich dem Aufruf Winfrieds‘, der neuen heiligen Ikone der #NewWorker, und trage erneut My Two Cents zur Debatte bei.

Bereits in meinem zweiten Gedankenfragment zur Blogparade #NewWork17 von Winfried, hatte ich mich mit dem o.g. Buch beschäftigt. Dort hatte ich darauf hingewiesen, dass es ohne eine tiefergehende Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Arbeits- und Entfremdungsbegriff von Onkel Marx, keine ernsthafte Theorie über die Zukunft der Arbeit geben kann. Dass dies in der aktuellen #NewWork Debatte auch weiterhin nicht passieren wird, hat die Antwort von Benedikt Hackl auf Winfrieds Frage, ob es sich bei #NewWork eventuell um einen Formwechsel der Knechtschaft handeln würde, gezeigt:

„Soweit würde ich nicht gehen, von Knechtschaft zu sprechen.“

Und führt weiter aus, dass die Studien der letzten Jahre gezeigt haben, dass das Commitment und die Begeisterung für #NewWork sinkt und nur noch bei knapp 50% liegt. Um im Anschluss direkt wieder die Schuld dafür im Mindset der zu Erlösenden zu suchen.

Dieses Argumentationsmuster, dass eine konkret kritische Frage wieder mit einem lapidaren Satz beiseiteschiebt und business as usual weiter argumentiert, assoziiert bei mir das Musterbild des Pharisäers. Wer oder was waren aber die Pharisäer, die sich Jesu Zorn zuzogen?

Die Tora – das jüdische Gesetz – war in Hebräisch geschrieben, aber die Menschen zur Zeit Jesu sprachen und verstanden nur Aramäisch. Also bildete sich ein neuer Stand heraus, der das Gesetz verwaltete und seine Umsetzung im täglichen Leben in Vorträgen und öffentlichen Diskussionen erklärte. Dies waren die pharisäischen Schriftgelehrten und die Gesetzeslehrer, die ihre Anhängerschaft insbesondere in der Mittelschicht, also im Kleinbürgertum hatten. Für die Pharisäer sollte der wahre Gläubige nur dem Gesetz dienen, da es das Gesetz Gottes war.

Jesus stritt sich vor allem mit den Pharisäern um die praktische Auslegung der heiligen Gesetze. Er war ihnen gegenüber meist zornig aggressiv (auf jemanden zugehen; sich nähern), weil er für seine menschlichen Werte und erlösenden Ziele kämpfte.

Angelpunkt der Diskussion war immer, ob das Gesetz für den Menschen da ist oder der Mensch für das Gesetz und wie Gott zu huldigen ist. Dies bringt am besten die Geschichte über das Sabbatgebot in Markus 2,27 zum Ausdruck:

„Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“

Dies zeigt den fundamentalen Widerspruch zwischen Jesus und den Pharisäern. Es geht letztendlich um das Primat von Mensch oder Gesetz. In diesem Zuge auch um das richtige Gottesverständnis. Entweder Gott als abstrakter Herrscher oder als neuplatonisch liebende Vaterfigur. Diese Analogie lässt sich auch auf die #NewWork Debatte übertragen.

Wem oder was dient eigentlich #NewWork? Ist #NewWork für den Menschen da, oder der Mensch für #NewWork?

Gemäß den pharisäischen Apologeten des #NewWork Establishments handelt es sich bei #NewWork um eine Antwort auf eine unvermeidbare und tiefgreifende Veränderung (#Disruption) in der gesellschaftlichen Makroebene, auf die sich die Unternehmen und Mitarbeiter (Mesoebene) in Form von #NewWork wappnen und umstellen müssen.

Sprich, da haben wir wieder die naturwüchsige („göttliche“) disruptive Macht der Digitalisierung und Automatisierung, der sich alle anpassen und unterordnen müssen.

Dass es sich hierbei um einen ideologischen Herrschaftsdiskurs handelt, zeigen schon die Verwendung des Disruptionsbegriffs, der nichts anders ist als ein Werbeslogan der Kalifornischen Ideologie des Silicon Valley und die Darstellung menschengemachter Entwicklungen als naturgegeben.

Damit demaskieren sich die Pharisäer selbst und zeigen wessen Diener und wes Geistes Kind sie sind. Es geht nämlich um nichts weniger als um die Reproduktion des Akkumulations- und Kapitalfetischs (Götze) und somit der Erhaltung und Fortführung der Erwerbsarbeit (Götzendienst).

„Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!“ (MEW, Bd. 23, S. 621)

Im Gegensatz zu Hackl et al. plädiert Markus Väth in seinem Buch ‚Arbeit – die schönste Nebensache der Welt: Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert‘ wenigstens geradeheraus für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Die ganze Debatte richtet sich auch nur an eine privilegierte Gruppe von Arbeitnehmer_innen, die sogenannten Wissensarbeiter_innen. Die von den digitalen Rationalisierungsprozessen bedrängten und erniedrigten Individuen in prekären Beschäftigungsverhältnissen kommen nicht in den Genuss des Neuen Arbeitens, für sie bleibt es gemäß Aldous Huxley nur die Schöne Neue Arbeitswelt.

Aus diesem Grund braucht die ganze Debatte dringend mehr Heiligen Zorn. Und wer wäre da besser geeignet als der Gegenspieler der Pharisäer.

Jesus war nicht nur ein Gegner des Akkumulationsfetischs wie seine Tempelaktion beweist, er plädierte auch für die Abschaffung der Erwerbsarbeit:

„Seht euch die Lilien an: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht.“ (Lukas 12,27)

Außerdem richtete sich seine ganze Missionstätigkeit primär an die Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft, denn ihr Leid war von dieser Welt. Als jüdischer Messias wollte er auch nichts weniger als das Himmelreich auf Erden.

Allen emanzipatorischen Utopien geht es vorrangig um nichts weniger als die Emanzipation und die größtmögliche Handlungsfreiheit eines jeden Individuums. Deswegen braucht die Debatte neben dem Heiligen Zorn, auch dringend konkrete utopische Forderungen.

Aber warum tun das die Pharisäer nicht? Weil sie es nicht können. Es ist ihre ökonomische Charaktermaske die da spricht, denn auch sie haben ökonomische Interessen und sind den stummen Zwängen der ökonomischen Verhältnisse unterworfen. Und aufgrund ihres notwendig falschen Bewusstseins können sie nicht die Fesseln sehen, geschweige denn spüren. Sie sind wie Onkel Tom:

Eines Tages, als sich die Möglichkeit zur Flucht bot, rannte Kunta Kinte zu Onkel Tom.

„Onkel Tom, lass uns fliehen“.
„Warum sollen wir fliehen Kunta? fragte Onkel Tom“
„Damit wir frei sind!“ schrie Kunta freudig.
„Aber wir sind doch frei!“ erwiderte Onkel Tom. „Schau wird dürfen im Gegensatz zu den Baumwollpflückern im Haus schlafen, müssen keine Ketten tragen, dürfen die leckeren Reste essen und der Massa peitscht uns nicht. Er behandelt uns gut und wir können uns frei bewegen.“

Was uns diese fiktive Geschichte sagt? Unsere kapitalistische Produktionsweise hat uns so nachhaltig geformt und exponentiell entfremdet, dass sie selbst unsere tiefsten Bedürfnisstrukturen so verändert hat, dass sie ihren Verwertungsbedürfnissen entspricht und wir nicht einmal mehr in der Lage sind, jenseits der Verwertungslogik zu denken.

Rousseau irrte als er behauptete der Mensch sei frei geboren, aber er hatte recht, dass der Mensch überall in Ketten liege. Und manch einer würde die Knechtschaft nicht einmal erkennen, wenn sie ihm mit einem Brandeisen auf die Stirne gebrannt würde, geschweige denn ihre Formwechsel. In diesem Sinne…

„Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“ (George Orwell, 1984)