Über das notwendig falsche Bewusstsein des #DigiTreff

Am 18.05.2017 hatte Inga (Ketels) von der Scopevisio AG zum Digitalisierungstreff #2 mit dem Thema Neues Arbeiten (NewWork) eingeladen.

Der Hype um NewWork geht einher mit der sogenannten Digitalisierung, Industrie 4.0. und VUCA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität) Debatte. Ob es sich bei NewWork um Arbeiten 4.0 handelt scheint noch nicht festzustehen. Doch, dass da etwas Neues kommt und etwas Neues gebraucht wird, scheint allseits gesichert.

Interessanterweise kristallisiert sich bezüglich des NewWork Diskurses in den meisten Beiträgen (ob nun auf dem gestrigen Podium oder im Netz) ein aufgewärmtes Narrativ heraus, welches im Cyberspace und im Feuilleton schon vor über zehn Jahren diskutiert wurde. Anhand der fehlenden Anknüpfung an diese alten Diskussionen kann man bereits erkennen wie fernab der originär digitalen Kultur der aktuelle Diskurs geführt wird. Und das im sogenannten Digitalen Zeitalter!

Im Jahr 2006 erschien das Buch ‚Wir nennen es Arbeit – Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung‘ von Sascha Lobo und Holm Friebe.

Bereits damals warben diese beiden angehenden Digiratis in bester Hipster-Manier für ein selbstbestimmtes und freies Arbeiten jenseits von Sozialversicherung und Festanstellung. Dank Internet und Laptop konnte die neue Klasse der digitalen Bohème von überall aus flexibel und unabhängig arbeiten. Anstatt über unsichere Arbeitsverhältnisse und abhängige Beschäftigung zu klagen sollte jeder sein unternehmerisches Selbst fördern und fordern. Es war die Zeit der Ich-AGs und die Anfänge der unternehmerischen und digitalen Selbstoptimierung. Und wer klagte war selber schuld und hatte das falsche Mindset. Arbeitszeit und Lebenszeit verschmolzen zusehends. Die Subjektivierung und Entgrenzung der alten New Economy war wieder en vogue. Es war das alte klassisch neoliberale Credo verpackt im Hipster-Jargon.

Die Zeit der Erscheinung irritiert nicht, denn es war die Zeit von Web 2.0 und der Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz I-IV). Selbst im Linksintellektuellen Milieu wurde das Paradigma der Immateriellen Arbeit und der Multitude diskutiert.

Wie gesagt alles schon mal dagewesen. Aber wie schrieb Marx in ‚Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte‘: Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

Ob es sich bei den beiden Diskursen um weltgeschichtliche Umwälzungen handelt, sei mal dahingestellt. Laut den selbsternannten „Influencer“ handelt es sich definitiv um solche. Die Tragödie ist Vergangenheit. Sascha Lobo preist nicht mehr in Hipster-Manier das Arbeiten und Leben der Digitalen Bohème, sondern spricht in klassenkämpferischen Ton von „Dumping-Hölle“ und „Plattform-Kapitalismus“. Die Soziologie hat den Begriff des Arbeitskraftunternehmers kreiert. Die Ich-AG ist Geschichte und die Existenzgründerzuschüsse der Agentur für Arbeit haben sich erledigt, da die Vermittlung in Festanstellung Vorrang hat. Und die meisten Soloselbstständigen fristen ein Dasein im Click- und Crowdworking.

Angesichts solch einer Entwicklung, trifft das Wort Farce auf das aktuell aufgewärmte NewWork Neusprech nahezu perfekt.

Aber warum ist das so? Wieso kreist das Narrativ des NewWork wiederum um dieselben Kategorien, wie Arbeit, Führung, Transparenz, Kollaboration, Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Flexibilität, Hierarchie, Selbstschuld, Mindset, usw. usf.? Wohin solche Verheißungen und Heilsversprechen unter kapitalistischen Macht- und Herrschaftsstrukturen führen, haben wir doch gesehen! Wollen wir nicht dazu lernen? Woran das liegt? Die kognitive Dissonanz lässt grüßen.

Es liegt am notwendig falschen Bewusstsein aller Beteiligten. Was das ist? Laut kritischer Theorie ist es das, was man Ideologie nennt. Im Netzjargon Filter Bubble und in der Netzkultur Realitätstunnel.

Es ist die Perspektive wie wir uns Selbst und unsere Umwelt sehen. Sprich es ist unser Bewusstsein. Auch, wenn wir glauben es sei von uns persönlich und frei gewählt, so ist es laut dem radikalen Konstruktivismus eine soziale Konstruktion oder wie Marx meinte, dass Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, also unser bewusstes Sein. Immer noch nicht verständlich?

Einfaches Beispiel: Unsere Sinne und unser Alltagsverstand, sprich unser Alltagsbewusstsein, lässt uns glauben, dass die Sonne morgens aufgeht und abends unter. Das haben die Menschen Jahrtausende lang geglaubt, da alle Informationen, die unser Bewusstsein formten, dies beinhalteten.

Erst als eine alternative, disruptive Information unser Bewusstsein streifte und unseren Realitätstunnel erschütterte, führte dies zur ersten Kränkung der Menschheit. Der sogenannten kosmologischen Kränkung. Das geozentrische Weltbild war passé. Doch die Herrschenden reagierten mit bekannten psychologischen Prozessen von Widerstand, Verdrängung und Übertragung.

Selbst heute noch, ist unser Sprachschatz von dieser Jahrtausende alten Erfahrung geprägt. Da die Sonne nun einmal jeden Morgen über dem Horizont aufgeht.

Deswegen fällt es auch so schwer das Thema NewWok jenseits von Erwerbsarbeit und Kapital zu diskutieren. Dieses notwendig falsche Bewusstsein behindert einen wirklichen Zugang zum originären NewWork Konzept. Denn Frithjof Bergmann war und ist halt sehr open minded. Und es ist der Grund dafür, warum verzweifelt versucht wird die Ergebnisse des Gallup Engagement Index‘ klein zu reden und die Ergebnisse des DGB-Index‘ Gute Arbeit zu ignorieren.

Und es ist vor allem dafür verantwortlich, warum wir uns eine Star Trek Zukunft wünschen, sie aber für unerreichbar halten. Denn es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Ja, die „Influencer“ des NewWork haben recht. Es ist eine Frage des Mindsets. Aber es ist leider ihr notwendig falscher Mindset, der konkrete Utopien unerreichbar erscheinen lässt. Denn für sie geht morgens immer noch die Sonne auf.

Falsches Bewusstsein: Eine Begriffsklärung von Joseph Vogl

Über Onkel Marx zum Hundertneunundneunzigsten im Kontext von NewWork

„An allem ist zu zweifeln“ (Karl Marx)

Onkel Marx wurde am 05. Mai 1818 in Trier geboren und feiert heute seinen hundertneunundneunzigsten Geburtstag. Seit der Finanzkrise 2007 scheint er wieder en vogue zu sein. Selbst der Vulgärökonom Hans-Werner Sinn hat angefangen ihn für einen der bedeutendsten Makroökonomen der Geschichte zuhalten und meint mit dem Marxschen Werk die kapitalistischen Wirtschaftskrisen erklären zu können.

Allerorten werden wieder die Marx-Lesekreise initiiert. In der Tradition der alten Bibellesekreise wird mit scholastischem Eifer das Kapital rezipiert. Über diesen Kapital-Lesekreisen schwebt der Geist der sogenannten Neuen Marx-Lektüre. Sprich der Mohr wird von allen Seiten einvernehmlich als kritischer Wert- und Krisentheoretiker interpretiert und dargestellt. Aber solch eine unzureichende Leseart verkürzt und behindert einen wissenschaftlichen Zugang zum Marxschen Werk.

Bereits 1933 erklärte Karl Dunkmann in seinem leider in Vergessenheit geratenen Buch ‚Soziologie der Arbeit‘ (welches ich allen nur empfehlen kann, die sich mit dem Themenkomplex Arbeit beschäftigen wollen) auf Seite 73 folgendes fest:

„Will man also die Theorie des „Marxismus“ voll und ganz begreifen, so hat man nicht von diesem Begriffe des Wertes aus das Ganze zu durchleuchten,… sondern man hat vom Begriffe der Arbeit auszugehen und diesen in allen Konsequenzen zu verfolgen. Marx schuf in seinem „Kapital“ das erste wirtschaftssoziologische Grundwerk von der menschlichen Arbeit, ihrer Bedeutung und ihrem Schicksal. Er legte es als rein theoretisches, streng wissenschaftliches Werk vor, und nur als solches kann es verstanden und geprüft werden.“

Marx verstand nämlich die menschliche Arbeit als dialektisch ontologisches Prinzip des Menschseins und Menschwerdens:

„Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“ (MEW, Bd. 3, S. 21)

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur.“ (MEW, Bd. 23, S. 192)

Dieser wissenschaftliche und Marxoriginäre Ansatz ist leider in Vergessenheit geraten. Dafür haben natürlich die unglücklichen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts gesorgt, sowie für seine damit zusammenhängende Verbannung aus den Wirtschaftswissenschaften und der Anthropologie. Aber auch die in Deutschland vorherrschende Marxrezeption der Neuen Marx-Lektüre hat ihr Übriges dazu beigetragen. Lediglich in den Sozial- und Geisteswissenschaften durfte er ein akzeptiertes Schattendasein führen.

Da verwundert es nicht, dass auch Frithjof Bergmann Marx missdeuten musste: „Ich habe Marx studiert und bin schon 1981 zu dem Schluß gekommen, daß der Sozialismus scheitern muß … Wir machen genau das Gegenteil von Marx. Wir stärken das Individuum.“ (Mitteldeutsche Zeitung, 1./2.5.97) Eine Stärkung des Individuums unter kapitalistischen Verhältnissen wäre für Marx niemals in Betracht gekommen. Seine Intention war eine radikale allseitige Emanzipation des Individuums unter Aufhebung aller unmenschlichen Verhältnisse durch Revolution.

[Einschub: Eine substanzielle, humanistische und libertäre Kritik am Marxschen Staats-, Revolutions- und Sozialismusverständnis haben die Theoretiker des Anarchismus bereits in der Ersten Internationale mit Bravour auf den Weg gebracht. Übrigens sei erwähnt, dass das NewWork Konzept auch ein Produkt dieser libertären Tradition ist.]

So wird verständlich, warum Onkel Marx in der NewWork Debatte so gut wie gar nicht zu Wort kommt. Aber interessanterweise wird in dem aktuell allseits gehypten Buch ‚New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt‘ von Hackl et al., in einer kurzen Passage und Anmerkung auf den Rauschebart Bezug genommen:

„Durch den Begriff Work-Life-Balance und die Diskussion darüber wird eines klar vor Augen geführt: Der Mensch hat sich in der Wahrnehmung seines Daseins von dem, was er als seine Arbeit definiert, entfernt. Man kann in diesem Fall sogar auf die Marx’sche Begrifflichkeit der entfremdeten Arbeit zurückgreifen. Denn obgleich dessen Schlussfolgerungen nicht mehr den Kern der heutigen Problematik treffen, so formuliert sein Konzept doch ein aktuelles Grundproblem: einen Mangel an Freiheit und die Suche nach einem immanenten Sinn von Arbeit.“ (Seite 7)

„Nach Auffassung von Marx produziert der Arbeiter in einem Lohnarbeitsverhältnis immer mehr Güter, die nicht ihm, sondern dem Kapitalisten gehören. Durch diese seine Tätigkeit verstärkt er das ihn ausbeutende System immer weiter. Dabei entfremdet sich der Arbeiter von seiner Arbeit, da sie keine freie, bewusste Tätigkeit mehr darstellt. Sie dient nur noch dazu, Bedürfnisse anderer zu befriedigen, anstatt die eigenen. Marx geht sogar noch weiter und beschreibt als unmittelbare Folge der Entfremdung von der Tätigkeit und vom Produkt die Entfremdung des Arbeiters vom menschlichen Wesen (und damit die Entfremdung des Menschen vom Menschen).“ (Anmerkung 20, Seite 7)

Laut Aussage von Hackl et al. trifft also der Begriff der entfremdeten Arbeit heute im Kern nicht mehr zu! Die Passage, die Anmerkung und die alleinige Erwähnung der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844 im Literaturverzeichnis, zeigt auch hier eine starke Verkürzung und Missdeutung des prozessualen und anthropologischen Charakters des Marxschen Arbeits- und Entfremdungsbegriffs. Eine umfassende und tiefergehende Analyse und Darstellung würde den Rahmen dieses Blogbeitrages selbstverständlich sprengen. Begnügen wir uns mit dem Wenigen, was uns die Autoren bezüglich Entfremdung mitgeteilt haben.

Beim erneuten Lesen der Anmerkung von Hackl et al. im Kontext der sogenannten Digitalisierung, drückt sich unweigerlich die Erkenntnis auf, dass der Themenkomplex der entfremdeten Arbeit eigentlich aktueller denn je ist. Die einschlägigen Studien und Umfragen der letzten Jahre bekräftigen diese Erkenntnis nämlich: „Steigerung der Arbeitsproduktivität im zweistelligen Bereich.“ „Jede/r Zweite berichtet etwa über das Gefühl des Ausgeliefertseins am Arbeitsplatz.“ „Mehr als die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten leidet unter Druck und Überlastung.“ Die Analysen und Klagen über diesen Wandel der Arbeitswelt sind inzwischen Legion und auch nicht mehr mit apologetischen Phrasen und Wohlfühlangeboten zu kaschieren.

Wird das Konzept von NewWork etwas daran ändern? Vielleicht, wenn sie eine ernsthafte Theorie über die Zukunft der Arbeit sein will, muss sie sich eben auch mit dem Marxschen Arbeits- und Entfremdungsbegriff auseinandersetzten und ihn nicht lapidar beiseiteschieben. Denn ob man es nun wahrhaben will oder nicht, Karlchen hat nicht nur zum Kern der heutigen Problematik etwas beizutragen, sondern auch zum aktuellen Grundproblem. Dass sich nämlich alles um die lebendige Arbeit und ihre Aneignung dreht. Denn menschliche Arbeit für andere, ist nun einmal auch immer entfremdete Arbeit. Happy Birthday alter Zweifler!

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört;… Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.“ (MEW, Bd. 25, S. 828)

„Wenn ich nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution“

„Es ist das Privileg, das Recht und auch die Pflicht jeder Generation zunächst einmal in Frage zu stellen, was die Alten gemacht haben. Mehr oder weniger. Und zu kritisieren und besser zu sein, gescheiter und vorlauter zu sein.“ Johann Hölzel aka Falco

„Die weibliche Emanzipation ist der allgemeine Maßstab für den allgemeinen emanzipatorischen Fortschritt einer geschichtlichen Epoche und Gesellschaft.“ (Frei nach Charles Fourier)

Meine Liebe,

erinnerst Du Dich an unser Gespräch? Du sagtest, Du seiest enttäuscht. Du wolltest etwas mit Menschen machen. Also etwas Gutes. Deswegen hast Du so zielstrebig und unnachgiebig auf eine Position im Personalbereich hingearbeitet. Hast dich selbst durchs Studium gepeitscht. Durch Prüfungen gegeißelt. Hast Praktika über Praktika absolviert. Persönliche Lebenszeit investiert. Doch heute kämpfst Du Kämpfe, die nicht die deinen sind. Ohne Rückendeckung. Du lebst und arbeitest am Rande Deiner Fähigkeiten und Kräfte. Alleingelassen. Du tust Dinge, von denen Du nicht willst, dass man davon erfährt. Aber Dein Gewissen lässt Dich nicht in Ruhe. Du fühlst Dich wie ein Sandwich, sagtest Du. Überall Zähne, die Dich zerkauen und verformen. Von oben. Von unten.

Ich hatte nur zugehört. Nicht viel gesagt. Doch das reichte Dir. Aber es hatte mich berührt. Und Du gingst mir nicht mehr aus dem Kopf. Dein Gesicht, Deine Worte, Deine Augen. Deine Geschichte. Wer eine Geschichte hat, hat auch eine Zukunft. So wie Du.

Wusstest Du, dass Revolutionen früher weiblich waren? Schau in die Geschichte. Es war der Zug der Frauen nach Versailles, der der Französischen Revolution ihren größten Sieg bescherte. Es waren die Petrograder Frauen der Februarrevolution, denen wir heute den Internationalen Frauentag am 8. März verdanken. Viele von den sozialen, individuellen und demokratischen Freiheitsrechten, die Du heute als selbstverständlich erachtest, sind das Ergebnis von Kämpfen. Erstritten und erkämpft von Frauen. Mit und ohne Namen. Oftmals ohne Gesichter. Und wir zehren von ihren Siegen. Frauen in der Vorreiterrolle. Als Speerspitze. Als die treibende Kraft. Theoretisch und praktisch. Sieh hin. Es ist wahr. Es gibt keine Revolution ohne Frauen. So wie es ohne Frauen kein Leben gibt.

Aber, was ist geschehen? Sieh Dir die angeblichen Revolutionen der letzten Jahre an. Sie haben fast alle ein männliches Gesicht. Woran mag das liegen? Ist es vielleicht, dass sie keine wirklichen Revolutionen sind? Heil versprechen, aber Unheil bringen? Ah, ja! Die dunkle Seite war noch nie Dein Ding. Deshalb fehlt vielleicht Dein Gesicht!?

Schau die führenden Köpfe des Personalwesens. Doppelt so viele Männer wie Frauen. Präsent sind aber nur die männlichen Köpfe. Oder wie viele Namen weiblicher Köpfe fallen Dir jetzt spontan ein? Hast Du schon mal was von einer Personalpäpstin gehört oder gelesen? Interessant oder? Du arbeitest in einem Berufszweig, der quantitativ von Frauen, aber qualitativ von Männern dominiert wird. Warum das so ist?

Du wirst Dich nicht erinnern. Es war lange, lange vor Deiner und auch vor meiner Zeit. Damals war auch das Personalwesen eine reine Männerdomäne. Frauen durften wie immer die schlechtbezahlten Zuarbeiten leisten. Allmählich änderte sich die Rolle und das Gesicht der Personalabteilungen. Sowie nach dem Ersten Weltkrieg, als die Sekretärinnen den klassischen Sekretär immer mehr verdrängten. Auch das Personalwesen wurde immer weiblicher. Diese Entwicklung hält bis heute an. Schau Dich um. Weiblich und jung sind überproportional in Deinem Berufsbild vertreten. Oder? Halte inne, und frage Dich warum ist das so?

Du wirst es nicht hören wollen. Doch Deine Ahnung täuscht Dich nicht. Arbeiten, ohne Wert, ohne Anerkennung, sind weiblich oder werden mit zunehmendem Verlust von Wert und Anerkennung weiblicher. Es war noch nie anders. Es ist immer dasselbe Muster. Schau Dir die sozialen Berufe an. Warum sind wohl Gleichberechtigung und Lohngleichheit immer noch ein gesellschaftliches Problem? Aber, wirst Du sagen, Personalangelegenheiten sind doch so wichtig für Unternehmen. Genauso wichtig wie die Pflege und Betreuung von Alten, Kranken und Kindern. Das Soziale hat keinen Wert. Jedenfalls keinen Ökonomischen. Und sozial ist auch Deine Tätigkeit. Denn das Soziale ist immer Menschlich.

Natürlich, auf den einschlägigen Veranstaltungen und Kongressen darfst Du von demokratischer Partizipation, menschengerechtem Arbeiten, Jobsharing und andere hippen Arbeitsmodellen schwärmen und träumen. Diese wasserpredigenden Weintrinker kennst Du nur allzu gut. Wie oft musstest Du ihnen schon den Becher halten. Deine eigene Unternehmensrealität sieht halt ganz anders aus.

Überall zunehmende Arbeitsverdichtung, Zeit- und Effizienzdruck. Prekäre Beschäftigung allerorten. Die Du auch noch managen sollst. Du selbst bist ja davon betroffen. War es nicht so, dass sie nach Ende Deiner Befristung insgeheim nach weiteren Befristungsmöglichkeiten suchten? Warum wohl? Den Makel einer eventuellen Schwangerschaft wirst Du nicht los. Gestehe es Dir ein, Deine jugendliche Weiblichkeit ist eigentlich Dein Makel. Schizophren, oder? Aber mit ambivalenten Situationen bist Du ja mehr als vertraut. Deine eigenen und die Interessenskonflikte um Dich herum, bestimmen ja Deinen beruflichen Alltag.

Du hast von Kind auf gelernt zu funktionieren. Dich im Hamsterrad zu bewegen, Dich anzupassen, um ja nicht herauszufallen. Aber auch der Bologna-Prozess konnte Dir das Soziale, Deine Menschlichkeit, Deine Individualität nicht austreiben. Es scheint resistent zu sein. Gegen alle Anstrengungen. Sie behaupten Du seiest die normopathische Generation. Doch das stimmt nicht. Das Gesicht der weltweiten Proteste und der humanitären Hilfsaktionen straft es Lügen. Es ist jung, so jung wie Deins.

Du bist das Kind chaotischer Zeiten. Du trägst das Chaos in Dir. Drum gebäre einen tanzenden Stern am Personalhorizont. Denn Leben gebären ist immer noch allein Dein Privileg. Einen Stern, der so stark leuchtet wie der Deiner Ahninnen. Von deren Licht wir heute noch zehren. Sie haben wahrhaft göttliches geleistet.

Du bist Hoffnung. Die Hoffnung auf ein gutes, ein besseres und menschenwürdigeres Arbeitsleben. Du bist dafür prädestiniert. Du ahnst und weißt, dass sich Profitabilität und Menschlichkeit, Fairness und Leistung nicht ausschließen. Dass eine andere Arbeitswelt möglich ist. Es ist Dein Recht und Deine Pflicht althergebrachte Wahrheiten in Frage zu stellen. Zu kritisieren. Neue Wege zugehen und auszuprobieren. Du bist privilegiert. Denn Du kennst sie alle, die Facetten des Funktionierens, der stummen Zwänge, der Humanität, der Individualität, der Erwartungen und Hoffnungen. Darum sei ruhig vorlaut, sei großmäulig. Sei frech. Sei mutig, denn Du bist viele. Sei kooperativ, organisiere und vernetze Dich. Weiche ab von den vorgegebenen Pfaden, denn die sind längst ausgetreten. Kontere Einwände mit Pfiffigkeit und Witz. Sei lebendig, nachsichtig und fürsorglich. Sei offen im Denken und standhaft in Deinen Wertvorstellungen.

Und denke daran, wir sind alle nur Riesen, die von Zwergen erzogen wurden. Und wir tragen einen geistigen Buckel mit uns rum. Wirf ihn ab. Richte Dich auf. Und tanze. Am Anfang wirst Du straucheln. Hinfallen. Aber das gehört dazu. Doch tanze. Bitte. Und bringe alle und auch alles um Dich herum zum Tanzen. Ich glaube an Dich. Darum glaube bitte auch Du an Dich selbst. Denn Du bist das Gesicht, denn Du bist die Zukunft des Personalwesens.

Paradoxien der Digitalisierung im Land der ehemaligen Dichter und Denker

Seit der Veröffentlichung der Zahlen über die Pendlerquote durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Anfang April 2017, wurden die Ergebnisse interessanterweise im virtuellen Digitalisierungsdiskurs so gut wie gar nicht beachtet. Warum eigentlich nicht? Oder sieht niemand das Paradoxe dabei?

Etwa 60 % aller Arbeitnehmer_innen pendeln zur ihren Arbeitsplätzen. Ein neuer Rekord. Aber in der Filter Bubble des sogenannten Digitalisierungsdiskurses wird wie gewöhnlich jede störende Information [um die Wichtigkeit von Störungen für die Lebensfähigkeit von Organismen, wissen wohl leider nur Kybernet(h)iker und Anhänger des Viable System Models] verdrängt, die unseren Realitätstunnel erhellen könnten. Vielleicht ist es noch nicht wirklich in den Köpfen der Management- und Organisationsberater, Quer- und Vordenker angekommen, wenn man seine eigene Filter Bubble nicht hinterfragt und ab und zu auftaucht, ist das intellektuelle Ertrinken in der eigenen Filterblase quasi Schicksal. Und das Gehirn bekommt leider auch nicht genug Sauerstoff und hinterlässt bleibende Schäden. Wie der ganze Neuprech zeigt.

Aber zurück zum Thema. Warum hat die Pendlerzahl so stark zugenommen? Weil es zu einem Privileg geworden ist dort zu wohnen, wo man arbeitet. Beispielhaft sind hierfür die Städte mit der höchsten Pendlerquote, wie München, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart. Also jene Städte in denen Wohnen mit am teuersten ist.

Laut Filter Bubble Realität hätte diese paradoxe Entwicklung gar nicht passieren können und dürfen. Sondern im Gegenteil, die Pendlerquote hätte sogar abnehmen müssen. Wie war das noch mal? Die Digitalisierung macht Arbeiten ortsunabhängig und flexibel, Anwesenheitspflicht und Büros gehören der Vergangenheit an, Menschen sind eh am kreativsten dort wo sie sich wohlfühlen, es kommt auf die Ergebnisse an und nicht auf die Arbeitszeit, usw. Wie kommt es an dann zu solch einer Entwicklung, die alle Prognosen und Heilsversprechen des NewWork wirksam konterkariert?

Weil leider immer noch nicht verstanden wurde, was eigentlich Komplexität und Systemisch bedeuten. Die beiden Begriffe werden gerne in jedem zweiten Satz inflationär missbraucht, um die eigenen kurzsichtigen Prognosen zu vernebeln. Noch einmal für Alle in einem einfach verständlichen Satz:

Systemische Komplexität bedeutet alle möglichen Wechsel-, Wirkungs- Handlungs-, Kommunikationsbeziehungen und Zusammenhänge in ihrer rückgekoppelt dynamischen Ganzheit zu sehen und zu denken.

Der reduktionistische Ansatz nur einen werbewirksamen Teilaspekt einer eventuellen Möglichkeit zu hypen und dann noch nicht einmal verwundert festzustellen, dass die Wirklichkeit sich anders entwickelt, bezeugt, dass die psychologischen Mechanismen von Widerstand, Verdrängung und Übertragung immer noch wirksam sind.

Die sogenannte Digitalisierung muss und kann nur mit einem wirklich systemisch komplexen Blick erfasst und behandelt werden. Sprich, wissenschaftlich im Sinne von Wissen schaffen. Dazu gehört aber sich für disruptive Informationen zu öffnen.

Heim-/Telearbeit, sind übrigens die Begriffe für diese Form von Arbeit. Die Telearbeit gibt es schon seit Anfang der 1980er Jahre, also ist keine Erfindung der sog. Digitalisierung. Warum diese aber immer noch nicht trotz aller technologischen Möglichkeiten zunimmt und zum Normallfall wird, hat nichts damit zu tun, dass es ja erst zukünftig Thema sein wird. Seit 40 Jahren reden wir von Zukunft. Wann ist sie denn nun endlich da?

Das Thema muss im Kontext von Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und allen anderen Umwelten inklusive historisch spezifischer Aspekte analysiert und behandelt werden. Ebenso ihre Vor- und Nachteile sowie Auswirkungen auf alle Systemelemente. Dasselbe gilt für das Pendeln.

Die Ergebnisse des BBSR lassen aber einige Tatsachen deutlich zutage treten. Der Hype vom mobilen Arbeiten ist ein Mythos und eine Utopie, die in Wirklichkeit das Privileg von einigen Wenigen ist. Sie zeigt, dass der Mindset der Unternehmensentscheider immer noch in alten Mustern verhaftet ist. Das Gerede von Freiheit, Verantwortung und selbstbestimmten Arbeiten ist nichts Anderes als Marketing-Mambo-Jambo. Die Anwesenheitspflicht gehört immer noch zum Arbeitsalltag der Mehrzahl der Arbeitnehmer_innen. Warum wohl? Die Antwort führt wieder höchstwahrscheinlich zur Schnappatmung. Deswegen lasse ich sie heute mal außen vor. Zuviel Licht und Sauerstoff auf einmal sind auch nicht gesund.

Diese Entwicklung zeigt uns mal wieder deutlich, dass die Kundenwünsche trotz aller validen Informationen ignoriert werden. Von wegen Mitarbeiter_innen sind Kunden! Die Wünsche dieses spezifischen Kunden werden stets konsequent ignoriert und verdrängt. Dass wird noch Inhalt eines anderen Posts sein.

Jede/r Dritte würde gerne von zu Hause arbeiten, aber nur jede/r Zehnte tut es. Dass es auch anders geht zeigen die Beispiele aus Skandinavien (Anteil von 28 %), den Niederlanden (Rechtsanspruch auf einen Tag Home-Office pro Woche) oder die neue Zentrale von Microsoft in München.

Seit wir aber nicht mehr Dichter und Denker ausbilden, sondern Absolventen des Bologna-Prozesses produzieren, bleiben halt Tiefgang, Kreativität und Rückgrat auf der Strecke. Nicht nur im intellektuellen Diskurs, sondern auch in den Unternehmen. Und das ist mit eins der wesentlichen Probleme, dass die Zukunfts- und Lebensfähigkeit der Unternehmen bedroht.

Der Rest ist Hobby oder über die Sinnlosigkeit der Sinnstiftung

„Du wirst geboren und du stirbst. Der Rest ist Hobby.“ Ein falsch verstandenes Zitat

Mark (Lambertz) hat den von Winfried (Felser) aufs Feld gerollten Ball bezüglich der Blogparade #NewWork17 aufgenommen und gekonnt in einen hervorragenden Beitrag mit utopischen Ausblick verwandelt. Ich nehme seinen Pass allzu gerne auf.

Es war das Jahr 1999 als in der Jungle World das Manifest gegen Arbeit von der wertkritischen Gruppe Krisis veröffentlicht wurde, das im linken Intellektuellen Milieu einen immensen Impact hatte und im Mainstream aber so gut wie überhaupt nicht beachtet wurde. Umso erstaunter war ich, als ich 2001 in dem Artikel Bündnis gegen Arbeit in der brand eins die Erwähnung des Manifests las. In diesem Zusammenhang war es auch das erste Mal, dass ich von dem Konzept Neue Arbeit (New Work) von Frithjof Bergmann hörte.

Frithjof Bergmann erkannte auch schon früh, was der Rauschebart aus Trier vorausgesagt hatte. Dass die technische Entwicklung der maschinellen Produktivkräfte (er nannte sie tote Arbeit) kontinuierlich die lebendige Arbeit (das menschliche Arbeitsvermögen) ablösen wird. Warum? Weil die Unternehmer getrieben von der allseitigen Konkurrenz der kapitalistischen Produktionsweise dazu quasi gezwungen werden. Also Systemzwang. Automatisierung oder Untergang.

Dass diese Entwicklung wie ein ehernes Gesetz wirkt, lesen wir nicht nur jeden Tag in den Seiten des Feuilletons, sondern seit geraumer Zeit auch endlich im Wirtschaftsteil.

Bereits 2011 hatten Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem in Deutschland viel zu wenig beachteten Werk Race Against The Machine, die Auswirkungen der Digitalisierung anhand von Statistiken und Daten auf die lebendige Arbeit in den USA beschrieben und das obige eherne Gesetz wissenschaftlich nachgewiesen.

Bergmanns Intention war und ist es die uralte visionäre Utopie einer Gesellschaft, die jedem Individuum ein gutes Leben ermöglicht, sukzessive wahr werden zu lassen. Was zeichnet ein gutes Leben aus? Ein Leben in Selbstbestimmung, Selbstentfaltung, Selbstentwicklung und Selbstverwirklichung. Jenseits von Notwendigkeiten, Fremdbestimmungen und Abhängigkeiten. Ein Leben im Hobby (Travail Attractif). Im Gegensatz zu den meisten Utopisten, sieht er bereits eine mögliche Teilverwirklichung im Hier und Jetzt, da die materiellen Möglichkeiten und Bedingungen hierfür gegeben sind. Und nicht erst in einer postkapitalistischen ominösen Zukunft. Davon hat das jetzige Individuum rein gar nichts.

Natürlich wurde sein Konzept und Projekt sofort von der Verwertungsmaschinerie aufgegriffen und zweckentfremdet. Wie so viele andere emanzipatorische Konzepte auch. Alles was der Verwertungslogik dient wird sich angeeignet und verwertet. Als der New Work Award von Xing an den Start ging, war klar in welche Richtung das gehen würde und musste.

Was ist Arbeit, was ist Hobby? Leider wurde bis dato weder in der HR Community, noch in den jeweiligen geisteswissenschaftlichen Disziplinen ein substantieller und zeitgemäßer Arbeitsbegriff kreiert. Deswegen ein kurzer, wirklicher kurzer Entwurf über die beiden Begriffe aus kybernethischer Perspektive.

Alle lebendigen Organismen müssen und wollen sich in doppelter Hinsicht reproduzieren. Weil es aber keine selbstgenügsamen Organismen gibt, müssen alle Organismen mit Anderen notwendigerweise in Beziehung treten, um Energie aufzunehmen. Das menschliche Individuum als Organismus muss dies auch tun. Es tut dies indem es mit seiner Umwelt in einen prozessualen Stoffwechsel tritt. Dieser Stoffwechselprozess ist die notwendige Arbeit. Diese Arbeit hat eine bestimmte gesellschaftliche Form, denn das Individuum produziert immer als Teil einer Gemeinschaft oder Gesellschaft. Die aktuelle Form dieser notwendigen Arbeit zur Existenzerhaltung und Sicherung ist die Lohnarbeit. Deswegen redet man auch von abhängig Beschäftigten. Ihre Arbeit ist nicht nur fremdbestimmt, sondern auch in vielfacher Weise ihnen selbst entfremdet. Interessanterweise sucht man in allen Employement Diskursen den Begriff der Entfremdung vergeblich.

Hobby hingegen ist die attraktive (anziehende) Arbeit, weil sie einerseits nicht notwendig ist, nicht fremdbestimmt, sondern selbstbestimmt und gewollt. Synonyme für diese Form von Arbeit sind die freien Tätigkeiten von Nerds, Hackern und Hobbyisten. Sie gehen in ihrer Arbeit auf und vergessen die Zeit dabei. Sie sind mit Leidenschaft bei der Sache und tun es aus eigenem Antrieb, bis das individuelle Ziel erreicht ist.

Alle neuen marketingtechnischen Ansätze (Sinnstiftungsmaßnahmen, Hierarchieabbau- und Demokratisierungstendenzen, etc.) haben nur ein Ziel:

Das entfremdete und abhängig beschäftigte Individuum durch Social Engineering Maßnahmen zum Unternehmenshobbyisten zu transformieren. Symptonbehandlung bei gleichzeitiger Ursachenverdrängung. Aus notwendiger Arbeit, soll nämlich Travail Attractif werden.

Dass das nicht funktionieren wird, hat Lars (Vollmer) schon 2014 in seinem Beitrag klar auf den Punkt gebracht. Arbeitende sind weder triviale, noch nicht triviale Maschinen. Sie sind überhaupt keine Maschinen. Sie sind Individuen. Komplexe Lebewesen. Nicht mehr und nicht weniger. Solange man dies nicht berücksichtigt, führen alle banalen Optimierungsversuche zwangsläufig ins Leere.

Und weil wir in einer Gesellschaft leben, in der alles der Verwertungslogik des Geldfetisches unterworfen ist, sind all diese Social Engineering Anstrengungen selbst zu einem Erwerbszweig geworden. Das erklärt auch die inflationäre Produktion von Bullshit-Bingo am Markt. Aufmerksamkeit durch Buzzwörter erheischen, um die eigenen unausgereiften Ideen zu Geld zu machen.

Neuestes Highlight ist die Sinnstiftung. Wenn Unternehmen Sinn stiften, dann sind die Arbeitsvermögensbesitzer motivierter und identifizieren sich mehr mit ihrer Arbeit und dem Unternehmen. Und der Zweck von Unternehmen sei Profit zu erwirtschaften. Echt? Wow, was für eine Erkenntnis. Doch der Sinn muss ein anderer sein. Aha. Sinn und Zweck werden einfach mal willkürlich getrennt und neu besetzt. Moment mal. Hatten wir das nicht schon mal? Stimmt, war ja bei New Work auch nicht anders. Einfach mal den ursprünglichen Inhalt des Begriffes entleeren und neu definieren. Mit dem richtigen Sinn, erträgt man bestimmt die Zumutungen der agenturseitigen Lohnaufstockung viel besser. Zum Glück ist die Wirklichkeit resistent gegen menschliche Phrasendrescherei. Vielleicht erst einmal die Begriffe von Sinn und Zweck verstehen, bevor man mit ihnen wild um sich schmeißt. Es hat einen Grund, warum sie synonym verwendet werden. Wer sich erinnern mag. Die Generation vor uns brauchte all diesen Bullshit nicht, um aus tiefstem Herzen unbewusst zu sagen, „meine Firma“. Warum das so war, das sollte vielleicht einmal Gegenstand der Diskussion sein. Da waren Unternehmen noch klassisch und hierarchisch organisiert, mit archaischen Chefs, usw. Und die Arbeitenden waren, loyaler, motivierter und produktiver. Vielleicht finden wir da einige Anregungen? Der Beitrag von Hendrik (Epe) geht da schon in die richtige Richtung.

Täglich hören und lesen wir, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Kommen aber nicht auf die Idee, dass dies ja nichts Anderes ist, als die Wiederspiegelung unserer Unternehmenswirklichkeit.

Hier sind die Individuen als Selbstständige, Scheinselbstständige, Werkvertragsarbeitnehmer, Leiharbeitnehmer, Minijobber und als Befristete beschäftigt. Also fängt die Klassengesellschaft schon im Betrieb an. Oh Gott, er hat das böse Wort gesagt. Interessanterweise gehören in den anglo-amerikanischen Diskursen die Begriffe Klasse und Kapitalismus zum Standardvokabular. Nur bei uns in Deutschland erinnern mich die Reaktionen bei diesen Begriffen an die Steinigungsszene aus das Leben des Brian. Blasphemie!

Aber verbringen wir weiter unsere Zeit mit Bullshit-Bingo und Selbsttäuschung. Das eherne Gesetz wirkt weiter, auch wenn wir die Augen davor verschließen.

Die Unternehmen und ihr Wirken geschieht nicht im luftleeren Raum. Sie sind Systemelement und Subsystem des gesamtgesellschaftlichen Systems. Von New Work Konzepten zu schwadronieren und zu hoffen, dass die Wirklichkeit an einem vorübergeht, ist ehrlich gesagt nicht wirklich Managementlike.

Wer Dinge ändern will, muss sie erst einmal Begreifen, um sie zu verstehen. Dafür brauchen wir aber die richtigen Begriffe, vielleicht auch die dazu notwendigen Tools. Nur, wenn wir die Dinge, Tatsachen und Probleme beim Namen nennen und den Dingen radikal auf den Grund gehen, dann können wir sie in Managementmanier angehen, wirksame Möglichkeiten entwickeln und greifbare Ergebnisse erzielen. Um dies zu verwirklichen bedarf es aber der Einsicht und eines wirklichen Willens, vor allem der Entscheider auf Unternehmensseite. Vergessen wir nicht, die Wirklichkeit wirkt ohne auf unsere Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Gestern, heute und morgen auch.

Geboren sind wir schon. Sterben werden wir auch. Machen wir die Suche nach einer wirklichen New Economy und dem damit verbundenen New Work zu unserem gemeinsamen Hobby. Dann klappt es auch mit den Utopien.