Dr. Seditious oder wie ich lernte, die Kybernetik zu lieben

„Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ (Heinz von Foerster)

„Nur der Wahnsinnige ist sich absolut sicher.“ (Robert A. Wilson, Masken der Illuminaten)

Als ich letzte Woche Tweets mit dem Link zum Artikel ‚Glaubwürdige Digitalisierungskritik muss präzise sein‘ von Nick Haflinger aka Joachim Paul auf Rubikon.news bemerkte, habe ich diesen sofort markiert und in meine Leseliste mitaufgenommen. Im Laufe dieser Woche hatte ich dann endlich auch mal Zeit und Muße mich dem Artikel zu widmen. Doch als ich die URL aufrief, prangte da nur in fettmarkierten Lettern: „Die gesuchte Seite wurde leider nicht gefunden.“

Aber ich wusste genau, dass es den Artikel geben musste und, dass er von Joachim war. Also suchte ich auf der Rubikon Seite über die Suchfunktion und klickte mich durch die Artikelauflistung. Jedoch ohne Erfolg. Als hätte es den Artikel nie gegeben. Erst über eine Websuche sah ich, dass Joachim den Artikel auf seinem Blog gepostet hatte. Mit einer Vorbemerkung, dass dieser von Rubikon ohne Vorankündigung und Benachrichtigung depubliziert wurde. Sie würden ihn wieder online stellen, wenn er diesen überarbeiten würde. Aber wer Joachim kennt…

Also, das was und wie Rubikon es gemacht hat, diskreditiert dieses angebliche Magazin für die kritische Masse nachhaltig, auch wenn es Joachim selbst nicht so publik machen will. Der Start, die ersten Beiträge und vor allem die Beiratsmitglieder machten Hoffnung. Aber es scheint sich auch hier das eherne Gesetz der Oligarchie durchgesetzt zu haben. Heimliche Zensur ohne Transparenz. Warum? Weil Joachims Beitrag angeblich zu harsch und zu persönlich sei.

Wer Joachim kennt, weiß dass er einer der progressivsten Geister innerhalb der Piratenpartei ist und unter den ganzen Systemadministratoren durch seinen kritischen Sachverstand hervorsticht. Er ist auch ein Vordenker in der Digitalisierungsdebatte und im Kybernetikdiskurs.

Nachdem ich den Artikel nun gelesen hatte, war weder eine wirkliche Harschheit, noch ein wirkliches Persönlichwerden konstatierbar. Statt einer Löschung, die einer heimlichen Zensur gleichkommt, hätte ich mir bei einem Kaliber wie Rubikon eine inhaltliche Kritik oder subversive Replik gewünscht. Aber da Rubikon schon nach so kurzer Zeit dem von ihnen kritisierten Gebaren des Mainstreamjournalismus anheimgefallen zu seien scheint, antworte ich meinem ehemaligen Parteifreund auf meine persönliche Art und Weise.

Cyberfetischismus. Das ist der Begriff der den Artikel von Joachim am besten charakterisiert. Mit dem Begriff beschreibt César Rendueles in seinem Werk ‚Soziophobie – Politischer Wandel im Zeitalter der digitalen Utopie‘, linke und emanzipatorische Anstrengungen in der Digitalisierung ein Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Probleme zusehen. Dieser Standpunkt trifft insbesondere auch auf Joachim zu. Mit dem Unterschied, dass er sich auch mit der Ursprungsgeschichte der Digitalisierung beschäftigt und die emanzipatorische Potentialerkennung auch auf die Kybernetik ausgeweitet hat. Deswegen reagiert er auch so emotional auf die Aussagen von Ralf Lankau. Denn dieser hat nun einmal in ketzerischer Manier auf einen Punkt in der Geschichte der Kybernetik hingewiesen, den alle Kybernetikeiferer nicht wahrhaben wollen und immer wieder versuchen zu entkräften.

Natürlich gibt es DIE Kybernetik nicht, aber sie hat eine Geschichte. Und diese beginnt mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des Kalten Krieges. Über die Macy-Konferenzen wurde mehr als genug geschrieben. Und ja, sie sind die Gebärmutter der modernen Kybernetik. Ihr Ziel war gesellschaftliche Steuerung und Kontrolle, aber auch die Verflüssigung antikapitalistischer Werte. Ein Blick in die Protokolle reicht dafür aus. Außerdem sollte man sich auch die Teilnehmer_innenliste anschauen. Zu ihnen gehörte beispielsweise John von Neumann. Ein eingefleischter Antikommunist und Kriegsverbrecher. Er berechnete die optimale Detonationshöhe der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, um die größtmögliche Anzahl ziviler Toter zu erreichen.

Der Name von Neumann ist auch fest mit der Spieltheorie verknüpft. Die ja quasi auf dem behavioristischen Weltbild fußt. Oder wer kam auf die spieltheoretische Idee die Wasserstoffbombe zuerst zu zünden? Und ja, die Kybernetik der Macy-Konferenzen ist durch und durch mechanistisch und reduktionistisch. Dies erklärt auch die Linie über den Behaviorismus zur Spieltheorie und die Steuerungs- und Allmachtsphantasien dieser selbsternannten Universalwissenschaftler.

Und dieser erlauchte Kreis soll die Speerspitze der kybernetischen Subversion sein? Aber was machen dann unsere Eiferer gegen unerschütterliche Tatsachen? Reflexion? Selbstkritik? Fehlanzeige. Stafford Beer muss wieder mal mit seinem Cybersyn-Projekt im Allende-Chile als Feigenblatt herhalten. Schaut die Kybernetik ist links, sogar im tiefsten inneren sozialistisch. Dann sollte man sich bitte mit der Geschichte der Kybernetik in der Sowjetunion und der DDR beschäftigen. Oder wenigstens mal bei Bogdanov reingeschnuppert haben.

Leider gibt es sehr wenig deutsche Literatur zum Cybersyn. Interessierte können sich, wenn auch belletristisch, bei Sascha Reh’s Roman ‚Gegen die Zeit‘ in das Thema einlesen.

Das Cybersyn wird immer wieder gerne als Rechtfertigung für das Emanzipatorische und Subversive der Kybernetik herangezogen. Auch die Wirkung und Auswirkung des Projektes wird idealisiert und überhöht. Und solch einen apolitischen Charakter wie Stafford Beer als emanzipatorischen Subversiven darzustellen grenzt schon echt an Realitätsverweigerung. Wenn Pinochet das Projekt weitergeführt hätte, dann hätte sich Beer höchstwahrscheinlich nicht verweigert. Oder ist auch nur eine verurteilende Stellungnahme Beers zum Putsch und dem anschließenden neoliberalen Faschismus in Chile bekannt? Und bitte auch nicht vergessen, dass er der Vater der Management-Kybernetik ist, also der Wissenschaft der effektiven Akkumulationslogik. Subversiv? My ass wie die US-Amerikaner zu pflegen sagen. Übrigens auch Friedrich August von Hayek hat ein Buch über Freiheit geschrieben. Nur welche Freiheit ist denn gemeint?

Der Grundfehler der kybernetischen Cyberfetischisten ist es sich die Kybernetik ahistorisch und als Neutrum anzueignen. Und verschiedene Epochen der kybernetischen Entwicklung einfach durcheinander zuwerfen. Wie Robert Feustel in seinem wieder einmal viel zu wenig beachteten Werk ‚Ein Anzug aus Strom – LSD, Kybernetik und die psychedelische Revolution‘ beschreibt, entwickelte sich so etwas wie eine subversive Kybernetik erst als sie sich mit der Counterculture (New Left-, Beatnik-, LSD-Kultur) der Sechziger vereinte oder von ihr antizipiert wurde. Dies auch der Grund für das synchrone Ende von LSD- und Kybernetik-Hype. Jedenfalls sollte man sich mit der Geschichte der Kybernetik mit Tiefgang auseinandersetzen und nicht einfach Hippies mit Kriegsverbrechern gleichsetzen. Sondern erst einmal begrifflich klären, von welcher Kybernetik wir reden.

Denn nach der Logik der Kybernetikeiferer wäre die Kybernetik des US-militärisch-industriellen Komplexes zutiefst antifaschistisch, weil seine Zeugungsstunde mit dem Kampf gegen den Hitlerfaschismus zusammenfiel. Und die Entwicklungen danach? Es ist nicht eine kritische Äußerung der angeblich subversiven Kybernetiker gegen den US-Imperialismus und seine Kriegsverbrechen überliefert.

Auch wenn es wehtut und man es nicht wahrhaben will, die Kybernetik von der Joachim so sehr schwärmt war ein Produkt und Kind des Kalten Krieges um den Klassenfeind zu besiegen. Ebenso die ganze digitale Technik, die gleichzeitig dem Neoliberalismus den Weg geebnet hat. Ja, sie hatte einmal eine subversive Phase, die ist heute aber ad absurdum geführt. Denn Technologie ist nicht neutral. Und solange wir dies nicht sehen und erkennen wollen, werden wir uns immer wieder wundern, warum sie nicht Freiheit, Gleichheit und Solidarität bringt, sondern Zwangsherrschaft, Ungleichheit und Atomisierung. Und warum der Neoliberalismus auf ihren Wogen daherkommt.

Denn wie Wau Holland schon sagte, die Beschäftigung mit Technologien und Computern setzt voraus, dass man die gesellschaftliche Dimension mitberücksichtigt und sich auch mit ihr auseinandersetzt. Auch mit den Macht- und Herrschaftsstrukturen und wirtschaftlichen Interessen. In diesem Sinne…

Es wird Zeit den eigenen Realitätstunnel zu verlassen und sich mit der Materie allumfassend zu widmen und nicht Halbwissenden wie Ralf Lankau zu überlassen.

Kybernethik, jenseits der babylonischen Begriffskonfusion

Da ist es wieder. Dieses Gefühl, in wahrhaft wirren Zeiten zu leben. Es fängt schon damit an, dass wir nicht einmal wirklich wissen in welcher Epoche oder welchem Zeitalter und in was für einer Gesellschaft wir leben?

Leben wir nun im Informationszeitalter oder in dem des Computers? Im Spätkapitalismus oder beziehungsweise im Postfordismus? Noch Spätmoderne oder schon Postmoderne? Erleben wir die zweite, dritte oder vierte Industrielle Revolution? Oder doch vielmehr die Digitale oder gar die Mikroelektronische? Wissens-, Netzwerk- oder Dienstleistungsgesellschaft? Haben wir das Human Age oder wahrscheinlich doch eher das Human Edge, also Anthropozän? Wie war das noch mal mit Beschleunigung und Verflüssigung? Lauter wohlklingende und werbewirksame Worthülsen. Aber ebenso verwirrend.

Eine Gewissheit haben wir aber doch. Es gibt wohl kaum einen anderen Zeitabschnitt in der Menschheitsgeschichte, indem mit solcher Geschwindigkeit Müllberge von Buzzwörtern produziert wurden. Man kommt ja mit dem Bullshit-Bingo spielen kaum noch nach. Ganz neu im Marketing-Mumbo-Jumbo sind jetzt, Komplexität, agile Organisation, weniger Hierarchie, Sharing Economy, Industrie 4.0, New Work usw. usf. Ein Wunder, dass wir nicht an Begriffs-Burnout erkranken. Diese Begriffskonfusion nimmt langsam echt babylonische Ausmaße an. Dieses Sprachwirrwarr bringt nicht nur unsere Sprache durcheinander, sondern erzwungenermaßen auch unsere Gedanken.

Produktives Denken verlangt aber nach Ruhe, Muße und Ordnung, sowie alle Lebewesen nach Ordnung streben, um sich zu reproduzieren. Verwirrung, Unordnung und Desorientierung sind dabei kontraproduktiv. Insbesondere, wenn sie im Stakkato daherkommen.

Klare, konsistente und systematische Begriffe sind für unser Denken und Verstehen von elementarer Bedeutung. Wie elementar, wussten schon die Verfasser des Buches Genesis, die Adam den geschaffenen Kreaturen Namen geben ließen. Adam, der im wahrsten Sinne des Wortes Begreifende, erzeugte und bildete Begriffe um Zugriff auf die ihn umgebende Realität zu erhalten, und sich seiner eigenen Stellung im Kosmos bewusst zu werden. Wie bei einem heranwachsenden Kleinkind, dass peu à peu anfängt mit einfachen abstrakten Begriffen die Welt um sich herum und sich selbst zu erkunden, zu erkennen und zu verstehen. Begriffe sind nun mal Produkte der Sprache und formen die eigenen Realitätstunnel, sind damit auch gleichzeitig bewusstseins- und identitätsstiftend.

Neben der Begriffsbildung ist auch die Begriffsbesetzung von immenser Bedeutung. Das kann man am besten an politischen Macht- und Herrschaftsdiskursen sehen. Aus ihnen ist die Begriffsbesetzung nicht mehr wegzudenken. Heiner Geißler soll angeblich mal gesagt haben, wer die Begriffe besetzt, besetzt die Köpfe der Menschen. Die Aussage von Kurt Biedenkopf, dass statt der Gebäude der Regierung, die Begriffe besetzt werden, ist jedenfalls im Gegensatz zu Geißlers Aussage verifizierbar. Lewis Carroll hat schon im 19. Jahrhundert in seinem Werk Alice hinter den Spiegeln diese Erkenntnis literarisch verarbeitet.

„Aber ‚Ruhm‘ heißt doch nicht ‚schönes zwingendes Argument‘“, entgegnete Alice.

„Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“

„Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst“.

„Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles.“

Also handelt es sich bei der Begriffsdefinition vorrangig um die Macht der Deutungshoheit. Denn Begriffe können als Herrschafts- und Machtinstrument auch eingesetzt werden, um das Begreifen zu verhindern. Dies kann beispielsweise durch gezielte Manipulation und Propaganda geschehen, um bestimmte Verhältnisse zu legitimieren, zu verschleiern oder die Betroffenen zu täuschen. Alternativ können Begriffe glücklicherweise auch als Aufklärungsinstrument genutzt werden. Sie sind dann ein emanzipatorisches Mittel um bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse oder Selbsttäuschungen zu durchschauen, zu entschleiern und auszuhebeln. Kritische Erkenntnistheorie war schon immer auch Sprachkritik.

Der erste Schritt zur Begriffsdefinition und Bedeutung ist erst einmal sich mit der Etymologie zu beschäftigen. So kann in der Regel zuerst einmal die ursprüngliche Bedeutung wieder hergestellt werden. Überhistorische Begriffsbedeutungen sollten dabei vermieden werden. Sie greifen zu kurz und beschneiden unweigerlich unsere Erkenntnis. Deswegen muss der zweite Schritt sein, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen. Vergleichbar mit unserem Spracherwerb. Also vom einfachen zum komplexen. Dies bedeutet aber auch die Begriffe und ihre Bedeutungen in ihren historischen Entwicklungsprozessen nachzuvollziehen. Denn, nur wer ihre Vergangenheit kennt, kann ihre Gegenwart verstehen und damit ihre Zukunft gestalten.

Kommen wir mal zu dem Begriff Kybernethik. Was soll der eigentlich bedeuten? Was kann und soll man unter ihm verstehen? Ist er eventuell auch nur so ein Buzzwort aus dem Bullshit-Bingo? Oder ist es ein klarer und systematischer Begriff mit Substanz?

tbc