„Wenn ich nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution“

„Es ist das Privileg, das Recht und auch die Pflicht jeder Generation zunächst einmal in Frage zu stellen, was die Alten gemacht haben. Mehr oder weniger. Und zu kritisieren und besser zu sein, gescheiter und vorlauter zu sein.“ Johann Hölzel aka Falco

„Die weibliche Emanzipation ist der allgemeine Maßstab für den allgemeinen emanzipatorischen Fortschritt einer geschichtlichen Epoche und Gesellschaft.“ (Frei nach Charles Fourier)

Meine Liebe,

erinnerst Du Dich an unser Gespräch? Du sagtest, Du seiest enttäuscht. Du wolltest etwas mit Menschen machen. Also etwas Gutes. Deswegen hast Du so zielstrebig und unnachgiebig auf eine Position im Personalbereich hingearbeitet. Hast dich selbst durchs Studium gepeitscht. Durch Prüfungen gegeißelt. Hast Praktika über Praktika absolviert. Persönliche Lebenszeit investiert. Doch heute kämpfst Du Kämpfe, die nicht die deinen sind. Ohne Rückendeckung. Du lebst und arbeitest am Rande Deiner Fähigkeiten und Kräfte. Alleingelassen. Du tust Dinge, von denen Du nicht willst, dass man davon erfährt. Aber Dein Gewissen lässt Dich nicht in Ruhe. Du fühlst Dich wie ein Sandwich, sagtest Du. Überall Zähne, die Dich zerkauen und verformen. Von oben. Von unten.

Ich hatte nur zugehört. Nicht viel gesagt. Doch das reichte Dir. Aber es hatte mich berührt. Und Du gingst mir nicht mehr aus dem Kopf. Dein Gesicht, Deine Worte, Deine Augen. Deine Geschichte. Wer eine Geschichte hat, hat auch eine Zukunft. So wie Du.

Wusstest Du, dass Revolutionen früher weiblich waren? Schau in die Geschichte. Es war der Zug der Frauen nach Versailles, der der Französischen Revolution ihren größten Sieg bescherte. Es waren die Petrograder Frauen der Februarrevolution, denen wir heute den Internationalen Frauentag am 8. März verdanken. Viele von den sozialen, individuellen und demokratischen Freiheitsrechten, die Du heute als selbstverständlich erachtest, sind das Ergebnis von Kämpfen. Erstritten und erkämpft von Frauen. Mit und ohne Namen. Oftmals ohne Gesichter. Und wir zehren von ihren Siegen. Frauen in der Vorreiterrolle. Als Speerspitze. Als die treibende Kraft. Theoretisch und praktisch. Sieh hin. Es ist wahr. Es gibt keine Revolution ohne Frauen. So wie es ohne Frauen kein Leben gibt.

Aber, was ist geschehen? Sieh Dir die angeblichen Revolutionen der letzten Jahre an. Sie haben fast alle ein männliches Gesicht. Woran mag das liegen? Ist es vielleicht, dass sie keine wirklichen Revolutionen sind? Heil versprechen, aber Unheil bringen? Ah, ja! Die dunkle Seite war noch nie Dein Ding. Deshalb fehlt vielleicht Dein Gesicht!?

Schau die führenden Köpfe des Personalwesens. Doppelt so viele Männer wie Frauen. Präsent sind aber nur die männlichen Köpfe. Oder wie viele Namen weiblicher Köpfe fallen Dir jetzt spontan ein? Hast Du schon mal was von einer Personalpäpstin gehört oder gelesen? Interessant oder? Du arbeitest in einem Berufszweig, der quantitativ von Frauen, aber qualitativ von Männern dominiert wird. Warum das so ist?

Du wirst Dich nicht erinnern. Es war lange, lange vor Deiner und auch vor meiner Zeit. Damals war auch das Personalwesen eine reine Männerdomäne. Frauen durften wie immer die schlechtbezahlten Zuarbeiten leisten. Allmählich änderte sich die Rolle und das Gesicht der Personalabteilungen. Sowie nach dem Ersten Weltkrieg, als die Sekretärinnen den klassischen Sekretär immer mehr verdrängten. Auch das Personalwesen wurde immer weiblicher. Diese Entwicklung hält bis heute an. Schau Dich um. Weiblich und jung sind überproportional in Deinem Berufsbild vertreten. Oder? Halte inne, und frage Dich warum ist das so?

Du wirst es nicht hören wollen. Doch Deine Ahnung täuscht Dich nicht. Arbeiten, ohne Wert, ohne Anerkennung, sind weiblich oder werden mit zunehmendem Verlust von Wert und Anerkennung weiblicher. Es war noch nie anders. Es ist immer dasselbe Muster. Schau Dir die sozialen Berufe an. Warum sind wohl Gleichberechtigung und Lohngleichheit immer noch ein gesellschaftliches Problem? Aber, wirst Du sagen, Personalangelegenheiten sind doch so wichtig für Unternehmen. Genauso wichtig wie die Pflege und Betreuung von Alten, Kranken und Kindern. Das Soziale hat keinen Wert. Jedenfalls keinen Ökonomischen. Und sozial ist auch Deine Tätigkeit. Denn das Soziale ist immer Menschlich.

Natürlich, auf den einschlägigen Veranstaltungen und Kongressen darfst Du von demokratischer Partizipation, menschengerechtem Arbeiten, Jobsharing und andere hippen Arbeitsmodellen schwärmen und träumen. Diese wasserpredigenden Weintrinker kennst Du nur allzu gut. Wie oft musstest Du ihnen schon den Becher halten. Deine eigene Unternehmensrealität sieht halt ganz anders aus.

Überall zunehmende Arbeitsverdichtung, Zeit- und Effizienzdruck. Prekäre Beschäftigung allerorten. Die Du auch noch managen sollst. Du selbst bist ja davon betroffen. War es nicht so, dass sie nach Ende Deiner Befristung insgeheim nach weiteren Befristungsmöglichkeiten suchten? Warum wohl? Den Makel einer eventuellen Schwangerschaft wirst Du nicht los. Gestehe es Dir ein, Deine jugendliche Weiblichkeit ist eigentlich Dein Makel. Schizophren, oder? Aber mit ambivalenten Situationen bist Du ja mehr als vertraut. Deine eigenen und die Interessenskonflikte um Dich herum, bestimmen ja Deinen beruflichen Alltag.

Du hast von Kind auf gelernt zu funktionieren. Dich im Hamsterrad zu bewegen, Dich anzupassen, um ja nicht herauszufallen. Aber auch der Bologna-Prozess konnte Dir das Soziale, Deine Menschlichkeit, Deine Individualität nicht austreiben. Es scheint resistent zu sein. Gegen alle Anstrengungen. Sie behaupten Du seiest die normopathische Generation. Doch das stimmt nicht. Das Gesicht der weltweiten Proteste und der humanitären Hilfsaktionen straft es Lügen. Es ist jung, so jung wie Deins.

Du bist das Kind chaotischer Zeiten. Du trägst das Chaos in Dir. Drum gebäre einen tanzenden Stern am Personalhorizont. Denn Leben gebären ist immer noch allein Dein Privileg. Einen Stern, der so stark leuchtet wie der Deiner Ahninnen. Von deren Licht wir heute noch zehren. Sie haben wahrhaft göttliches geleistet.

Du bist Hoffnung. Die Hoffnung auf ein gutes, ein besseres und menschenwürdigeres Arbeitsleben. Du bist dafür prädestiniert. Du ahnst und weißt, dass sich Profitabilität und Menschlichkeit, Fairness und Leistung nicht ausschließen. Dass eine andere Arbeitswelt möglich ist. Es ist Dein Recht und Deine Pflicht althergebrachte Wahrheiten in Frage zu stellen. Zu kritisieren. Neue Wege zugehen und auszuprobieren. Du bist privilegiert. Denn Du kennst sie alle, die Facetten des Funktionierens, der stummen Zwänge, der Humanität, der Individualität, der Erwartungen und Hoffnungen. Darum sei ruhig vorlaut, sei großmäulig. Sei frech. Sei mutig, denn Du bist viele. Sei kooperativ, organisiere und vernetze Dich. Weiche ab von den vorgegebenen Pfaden, denn die sind längst ausgetreten. Kontere Einwände mit Pfiffigkeit und Witz. Sei lebendig, nachsichtig und fürsorglich. Sei offen im Denken und standhaft in Deinen Wertvorstellungen.

Und denke daran, wir sind alle nur Riesen, die von Zwergen erzogen wurden. Und wir tragen einen geistigen Buckel mit uns rum. Wirf ihn ab. Richte Dich auf. Und tanze. Am Anfang wirst Du straucheln. Hinfallen. Aber das gehört dazu. Doch tanze. Bitte. Und bringe alle und auch alles um Dich herum zum Tanzen. Ich glaube an Dich. Darum glaube bitte auch Du an Dich selbst. Denn Du bist das Gesicht, denn Du bist die Zukunft des Personalwesens.