Don’t Believe the Hype: Digitalisierung als ideologisches Naturereignis

„John Stuart Mill sagt in seinen „Prinzipien der politischen Ökonomie“: „Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben.“ Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie…Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.“ (MEW, Bd. 23, S. 391)

„Eine kritische Geschichte der Technologie würde überhaupt nachweisen, wie wenig irgendeine Erfindung…einem einzelnen Individuum gehört. Bisher existiert kein solches Werk. Darwin hat das Interesse auf die Geschichte der natürlichen Technologie gelenkt, d.h. auf die Bildung der Pflanzen- und Tierorgane als Produktionsinstrumente für das Leben der Pflanzen und Tiere. Verdient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder besondren Gesellschaftsorganisation, nicht gleiche Aufmerksamkeit? Und wäre sie nicht leichter zu liefern, da, wie Vico sagt, die Menschengeschichte sich dadurch von der Naturgeschichte unterscheidet, daß wir die eine gemacht und die andre nicht gemacht haben?“ (MEW, Bd. 23, S. 392 ff.)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Digitalisierung. Die Politik, die Medien, die Industriebosse, die Unternehmensberater und sonstige orakelnde Wahrsager, haben sich verbündet, um vor der digitalen Heimsuchung zu warnen und der vierten industriellen Erlösungserwartung zu huldigen.

Landauf landab werden die unausweichlichen Auswirkungen der sogenannten Digitalisierung und der sogenannten Industrie 4.0 beschworen. Als würde es sich um eine Naturkatastrophe unbekannten Ausmaßes handeln, die keinen Stein auf dem anderen lässt. Das Arbeiten wie wir es kennen, würde sich nicht nur epochal verändern, sondern es würde in noch nie dagewesenem Maße ausgelöscht werden.

Diese deterministischen Prophezeiungen sind nicht nur subjektiv empfundene Beobachtungen, sondern sie wurden in der Studie ‚Die Zukunft der Arbeit als öffentliches Thema‚ von der Otto Brenner Stiftung statistisch und datentechnisch nachgewiesen.

„Die Digitalisierung erscheint in der journalistischen Berichterstattung als etwas quasi Naturgesetzliches. Die Menschen und die Gesellschaften machen sie nicht, sondern sie sind damit konfrontiert und müssen sich darauf einstellen. Wirtschaftliche, militärische, wissenschaftliche Interessen, die den Digitalisierungsprozess antreiben, werden kaum angesprochen.“ (S.95)

Als handle es sich bei der Digitalisierung um ein handelndes Subjekt und wer sich dem anrollenden Tsunami nicht anpasst wird zwangsläufig elendig auf der Strecke bleiben und verspielt somit seine Zukunft. Solch ein fatalistischer und fanatischer Determinismusglaube würde sogar die marxistischen Dogmatiker der Kommunistischen Internationale neidisch machen.

Immer wenn im öffentlichen Mainstreamdiskurs Urheber, Initiatoren und Akteure hinter Abstrakta und sächlichen Pronomen verschwinden und als alternativlose Sachzwänge erscheinen, ist der Verdacht der ideologischen Verschleierung angebracht.

Gemäß der ZDF Homepage handelt es sich bei der Definition eines Zeitgeistes (Hypes) um Ideologie, wenn das Partikularinteresse der Mächtigen als das gemeinschaftliche Interesse aller verkauft wird.

Diese im Mainstream konsequent forcierte Debatte begleiten zwei Bücher kritisch, mit unterschiedlichen Zielsetzungen.

In seinem Buch ‚Automatisierung und Ausbeutung – Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus widmet sich Matthias Martin Becker dem Transformationsproblem. Also dem Problem, aus eingekauftem individuellem Arbeitsvermögen (sogenannte Arbeitskraft) größtmögliche Arbeitsleistung herauszuholen. Sein Fazit die lebendige Arbeit wird nicht wie prophezeit verschwinden, sie wird aber durch die Digitalisierung stressiger, überwachter und billiger. Und „der Kardinalfehler der neuen Automatisierungsdebatte besteht darin, technische Möglichkeiten mit tatsächlichen Arbeitsprozessen zu verwechseln. Das sozusagen abstrakte Potenzial technischer Neuerungen, Zeit oder Material einzusparen, ist etwas anderes als der tatsächliche Einsatz. Dass die Leistungsfähigkeit der neuesten Computersysteme und Roboter fast immer überschätzt wird – auch weil erschreckend viele Autoren die Versprechen der Herstellerfirmen ungeprüft übernehmen – verunklart die Prognosen zusätzlich. Dies gilt umgekehrt auch für die nützlichen Gegenstände und angenehmen Verhältnisse, die sich mit digitaler Technik prinzipiell herstellen lassen. Apparate ermöglichen, sie erzwingen nicht.“

Philipp Staab beschreibt in seinem Buch ‚Falsche Versprechen – Wachstum im digitalen Kapitalismus‘, dass die Digitalisierung mit ihren Wachstumsversprechen eine neue strategische Antwort auf die Nachfrageschwäche durch die „Abkühlung der Konjunktur ab den 1960er Jahren“ sein soll. Er nennt dies explizit das „Konsumtionsproblem“. Laut Staab hält die Nachfrage mit der Entwicklung der Produktivität nicht Schritt. An dieser Nachfrageschwäche wird die von ihm in Anlehnung an die „Lean-Production-Modelle“ bezeichnete „Lean Consumption“ auch nichts ändern. Denn die digitale Rationalisierung und Effizienz der Konsumtionssphäre wird auch keine zusätzliche Nachfrage generieren können. Denn die gleichzeitigen Digitalisierungs- und Automatisierungsprozesse in der Produktions- und Distributionssphäre gehen auf Kosten menschlicher Arbeit, womit die Massenkaufkraft weiter geschwächt und das vielbeschworene Nachfragewachstum ad absurdum geführt wird. Somit bleibt die der Digitalisierung implizite Verheißung neuer wirtschaftlicher Wachstumsimpulse systembedingt ein falsches Versprechen.

Wie man an der Mainstreamdebatte sehen kann, verläuft die Diskussion über die sogenannte Digitale Revolution vornämlich technologiezentriert und der arbeitende Mensch muss sich ihr anpassen. Ganz so wie die früheren Debatten über Rationalisierung, Lean Production, New Economy, etc.. Immer ist es die Technologie, die die Unternehmen und Arbeitenden als sachlicher alternativloser Prozess dazu zwingt sich zu verändern. So als wäre die Technologie die eigentliche Macht und nicht die Unternehmenseigner und Manager.

Gerhard Schmidtchen hat bereits in seinem leider wenig beachteten Buch ‚Die Dummheit der Informationsgesellschaft‚ dafür plädiert die richtigen Fragen zu stellen, um die ideologische Vernebelung zu durchbrechen:

„Wir erleben ja gerade den Siegeszug der Mikroelektronik, der intelligenten Technik in unserer Kultur. Die Automation in den Fabriken ist schon nicht mehr neu. Niemand will zurück zum alten Zustand. Die Versprechungen sind groß, der Enthusiasmus ist ungebrochen. Der Konsens über die neue Technik erreicht den Zustand der Fraglosigkeit. Genau hier beginnt das Problem. Technik ist immer ein Mittel. Richten sich der Enthusiasmus, die Vergöttlichung, auf Werkzeuge, so werden wir blind für die Ziele, denen sie dienen sollen. Aus angebeteten Dienern sind noch immer Herrscher geworden, und dann stehen wir eines Tages dumm da. Es ist nicht Arroganz, wenn wir uns Gedanken machen, was auf der Verlustseite der Digitalisierung stehen könnte.“

Wie die beiden o.g. Bücher zeigen, stehen auf der Verlustseite immer die abhängig Beschäftigten, die arbeitenden menschlichen Individuen. Die ganze Debatte bräuchte einen Gegenpart, der einen humanzentrierten Ansatz vertritt. Doch wer soll diesen führen?

Die Schlagworte hypende Beraterriege mit ihrem #NewWork Gewäsch? Was ja nichts anderes ist als den technologie- und profitorientierten Ansatz mit gute Laune Phrasen und dem Anstrich von Spieleworkshops zu versüßen, um daraus selbst Profit zu schlagen. Hier besteht unweigerlich ein Interessenskonflikt, denn wessen Brot ich ess…

Eigentlich wäre es die Aufgabe von HR. Jedoch ist das Personalwesen und die HR Community in ihrer jetzigen Situation und Formierung weit davon entfernt auch nur Ansatzweise solch eine Rolle zu füllen, geschweige denn wirkliche Experten zu sein. Dafür müssten das Personalwesen und die HR Community endlich mal einen eigenen Standpunkt jenseits der Kategorien von Kapital und Arbeit einnehmen und eine eigene Agenda setzen und verfolgen, als immer nur den fremdbestimmten Marketingtrends hinterherzulaufen. Oder einfach mal die #NewWork Debatte kapern und sich in diesem Zuge selbst neu erfinden und den digitalen Transformationsprozess humanzentriert mitzugestalten.

Hierzu gehört auch eine Diskussion wie Human Resources wieder zu Human Relations wird. Aber auch die offene und offensive Thematisierung des Interessenskonflikts zwischen toter (maschineller) und lebendiger (menschlicher) Arbeit. Dann sind auch realistische und konvergente Lösungen möglich, die eine humanzentrierte Digitaltransformation ermöglichen könnten. Sonst werden Employee Self Services (ESS) und Recruting Algorithmen nicht nur HR wegdigitalisieren.

Und eines sollte man bei aller Diskussion nicht vergessen, die lebendige Arbeit ist das gestaltende Feuer, auch das der Digitalisierung und Automatisierung. In diesem Sinne, don’t believe the Hype.

Paradoxien der Digitalisierung im Land der ehemaligen Dichter und Denker

Seit der Veröffentlichung der Zahlen über die Pendlerquote durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Anfang April 2017, wurden die Ergebnisse interessanterweise im virtuellen Digitalisierungsdiskurs so gut wie gar nicht beachtet. Warum eigentlich nicht? Oder sieht niemand das Paradoxe dabei?

Etwa 60 % aller Arbeitnehmer_innen pendeln zur ihren Arbeitsplätzen. Ein neuer Rekord. Aber in der Filter Bubble des sogenannten Digitalisierungsdiskurses wird wie gewöhnlich jede störende Information [um die Wichtigkeit von Störungen für die Lebensfähigkeit von Organismen, wissen wohl leider nur Kybernet(h)iker und Anhänger des Viable System Models] verdrängt, die unseren Realitätstunnel erhellen könnten. Vielleicht ist es noch nicht wirklich in den Köpfen der Management- und Organisationsberater, Quer- und Vordenker angekommen, wenn man seine eigene Filter Bubble nicht hinterfragt und ab und zu auftaucht, ist das intellektuelle Ertrinken in der eigenen Filterblase quasi Schicksal. Und das Gehirn bekommt leider auch nicht genug Sauerstoff und hinterlässt bleibende Schäden. Wie der ganze Neuprech zeigt.

Aber zurück zum Thema. Warum hat die Pendlerzahl so stark zugenommen? Weil es zu einem Privileg geworden ist dort zu wohnen, wo man arbeitet. Beispielhaft sind hierfür die Städte mit der höchsten Pendlerquote, wie München, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart. Also jene Städte in denen Wohnen mit am teuersten ist.

Laut Filter Bubble Realität hätte diese paradoxe Entwicklung gar nicht passieren können und dürfen. Sondern im Gegenteil, die Pendlerquote hätte sogar abnehmen müssen. Wie war das noch mal? Die Digitalisierung macht Arbeiten ortsunabhängig und flexibel, Anwesenheitspflicht und Büros gehören der Vergangenheit an, Menschen sind eh am kreativsten dort wo sie sich wohlfühlen, es kommt auf die Ergebnisse an und nicht auf die Arbeitszeit, usw. Wie kommt es an dann zu solch einer Entwicklung, die alle Prognosen und Heilsversprechen des NewWork wirksam konterkariert?

Weil leider immer noch nicht verstanden wurde, was eigentlich Komplexität und Systemisch bedeuten. Die beiden Begriffe werden gerne in jedem zweiten Satz inflationär missbraucht, um die eigenen kurzsichtigen Prognosen zu vernebeln. Noch einmal für Alle in einem einfach verständlichen Satz:

Systemische Komplexität bedeutet alle möglichen Wechsel-, Wirkungs- Handlungs-, Kommunikationsbeziehungen und Zusammenhänge in ihrer rückgekoppelt dynamischen Ganzheit zu sehen und zu denken.

Der reduktionistische Ansatz nur einen werbewirksamen Teilaspekt einer eventuellen Möglichkeit zu hypen und dann noch nicht einmal verwundert festzustellen, dass die Wirklichkeit sich anders entwickelt, bezeugt, dass die psychologischen Mechanismen von Widerstand, Verdrängung und Übertragung immer noch wirksam sind.

Die sogenannte Digitalisierung muss und kann nur mit einem wirklich systemisch komplexen Blick erfasst und behandelt werden. Sprich, wissenschaftlich im Sinne von Wissen schaffen. Dazu gehört aber sich für disruptive Informationen zu öffnen.

Heim-/Telearbeit, sind übrigens die Begriffe für diese Form von Arbeit. Die Telearbeit gibt es schon seit Anfang der 1980er Jahre, also ist keine Erfindung der sog. Digitalisierung. Warum diese aber immer noch nicht trotz aller technologischen Möglichkeiten zunimmt und zum Normallfall wird, hat nichts damit zu tun, dass es ja erst zukünftig Thema sein wird. Seit 40 Jahren reden wir von Zukunft. Wann ist sie denn nun endlich da?

Das Thema muss im Kontext von Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und allen anderen Umwelten inklusive historisch spezifischer Aspekte analysiert und behandelt werden. Ebenso ihre Vor- und Nachteile sowie Auswirkungen auf alle Systemelemente. Dasselbe gilt für das Pendeln.

Die Ergebnisse des BBSR lassen aber einige Tatsachen deutlich zutage treten. Der Hype vom mobilen Arbeiten ist ein Mythos und eine Utopie, die in Wirklichkeit das Privileg von einigen Wenigen ist. Sie zeigt, dass der Mindset der Unternehmensentscheider immer noch in alten Mustern verhaftet ist. Das Gerede von Freiheit, Verantwortung und selbstbestimmten Arbeiten ist nichts Anderes als Marketing-Mambo-Jambo. Die Anwesenheitspflicht gehört immer noch zum Arbeitsalltag der Mehrzahl der Arbeitnehmer_innen. Warum wohl? Die Antwort führt wieder höchstwahrscheinlich zur Schnappatmung. Deswegen lasse ich sie heute mal außen vor. Zuviel Licht und Sauerstoff auf einmal sind auch nicht gesund.

Diese Entwicklung zeigt uns mal wieder deutlich, dass die Kundenwünsche trotz aller validen Informationen ignoriert werden. Von wegen Mitarbeiter_innen sind Kunden! Die Wünsche dieses spezifischen Kunden werden stets konsequent ignoriert und verdrängt. Dass wird noch Inhalt eines anderen Posts sein.

Jede/r Dritte würde gerne von zu Hause arbeiten, aber nur jede/r Zehnte tut es. Dass es auch anders geht zeigen die Beispiele aus Skandinavien (Anteil von 28 %), den Niederlanden (Rechtsanspruch auf einen Tag Home-Office pro Woche) oder die neue Zentrale von Microsoft in München.

Seit wir aber nicht mehr Dichter und Denker ausbilden, sondern Absolventen des Bologna-Prozesses produzieren, bleiben halt Tiefgang, Kreativität und Rückgrat auf der Strecke. Nicht nur im intellektuellen Diskurs, sondern auch in den Unternehmen. Und das ist mit eins der wesentlichen Probleme, dass die Zukunfts- und Lebensfähigkeit der Unternehmen bedroht.