Paradoxien der Digitalisierung im Land der ehemaligen Dichter und Denker

Seit der Veröffentlichung der Zahlen über die Pendlerquote durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Anfang April 2017, wurden die Ergebnisse interessanterweise im virtuellen Digitalisierungsdiskurs so gut wie gar nicht beachtet. Warum eigentlich nicht? Oder sieht niemand das Paradoxe dabei?

Etwa 60 % aller Arbeitnehmer_innen pendeln zur ihren Arbeitsplätzen. Ein neuer Rekord. Aber in der Filter Bubble des sogenannten Digitalisierungsdiskurses wird wie gewöhnlich jede störende Information [um die Wichtigkeit von Störungen für die Lebensfähigkeit von Organismen, wissen wohl leider nur Kybernet(h)iker und Anhänger des Viable System Models] verdrängt, die unseren Realitätstunnel erhellen könnten. Vielleicht ist es noch nicht wirklich in den Köpfen der Management- und Organisationsberater, Quer- und Vordenker angekommen, wenn man seine eigene Filter Bubble nicht hinterfragt und ab und zu auftaucht, ist das intellektuelle Ertrinken in der eigenen Filterblase quasi Schicksal. Und das Gehirn bekommt leider auch nicht genug Sauerstoff und hinterlässt bleibende Schäden. Wie der ganze Neuprech zeigt.

Aber zurück zum Thema. Warum hat die Pendlerzahl so stark zugenommen? Weil es zu einem Privileg geworden ist dort zu wohnen, wo man arbeitet. Beispielhaft sind hierfür die Städte mit der höchsten Pendlerquote, wie München, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart. Also jene Städte in denen Wohnen mit am teuersten ist.

Laut Filter Bubble Realität hätte diese paradoxe Entwicklung gar nicht passieren können und dürfen. Sondern im Gegenteil, die Pendlerquote hätte sogar abnehmen müssen. Wie war das noch mal? Die Digitalisierung macht Arbeiten ortsunabhängig und flexibel, Anwesenheitspflicht und Büros gehören der Vergangenheit an, Menschen sind eh am kreativsten dort wo sie sich wohlfühlen, es kommt auf die Ergebnisse an und nicht auf die Arbeitszeit, usw. Wie kommt es an dann zu solch einer Entwicklung, die alle Prognosen und Heilsversprechen des NewWork wirksam konterkariert?

Weil leider immer noch nicht verstanden wurde, was eigentlich Komplexität und Systemisch bedeuten. Die beiden Begriffe werden gerne in jedem zweiten Satz inflationär missbraucht, um die eigenen kurzsichtigen Prognosen zu vernebeln. Noch einmal für Alle in einem einfach verständlichen Satz:

Systemische Komplexität bedeutet alle möglichen Wechsel-, Wirkungs- Handlungs-, Kommunikationsbeziehungen und Zusammenhänge in ihrer rückgekoppelt dynamischen Ganzheit zu sehen und zu denken.

Der reduktionistische Ansatz nur einen werbewirksamen Teilaspekt einer eventuellen Möglichkeit zu hypen und dann noch nicht einmal verwundert festzustellen, dass die Wirklichkeit sich anders entwickelt, bezeugt, dass die psychologischen Mechanismen von Widerstand, Verdrängung und Übertragung immer noch wirksam sind.

Die sogenannte Digitalisierung muss und kann nur mit einem wirklich systemisch komplexen Blick erfasst und behandelt werden. Sprich, wissenschaftlich im Sinne von Wissen schaffen. Dazu gehört aber sich für disruptive Informationen zu öffnen.

Heim-/Telearbeit, sind übrigens die Begriffe für diese Form von Arbeit. Die Telearbeit gibt es schon seit Anfang der 1980er Jahre, also ist keine Erfindung der sog. Digitalisierung. Warum diese aber immer noch nicht trotz aller technologischen Möglichkeiten zunimmt und zum Normallfall wird, hat nichts damit zu tun, dass es ja erst zukünftig Thema sein wird. Seit 40 Jahren reden wir von Zukunft. Wann ist sie denn nun endlich da?

Das Thema muss im Kontext von Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und allen anderen Umwelten inklusive historisch spezifischer Aspekte analysiert und behandelt werden. Ebenso ihre Vor- und Nachteile sowie Auswirkungen auf alle Systemelemente. Dasselbe gilt für das Pendeln.

Die Ergebnisse des BBSR lassen aber einige Tatsachen deutlich zutage treten. Der Hype vom mobilen Arbeiten ist ein Mythos und eine Utopie, die in Wirklichkeit das Privileg von einigen Wenigen ist. Sie zeigt, dass der Mindset der Unternehmensentscheider immer noch in alten Mustern verhaftet ist. Das Gerede von Freiheit, Verantwortung und selbstbestimmten Arbeiten ist nichts Anderes als Marketing-Mambo-Jambo. Die Anwesenheitspflicht gehört immer noch zum Arbeitsalltag der Mehrzahl der Arbeitnehmer_innen. Warum wohl? Die Antwort führt wieder höchstwahrscheinlich zur Schnappatmung. Deswegen lasse ich sie heute mal außen vor. Zuviel Licht und Sauerstoff auf einmal sind auch nicht gesund.

Diese Entwicklung zeigt uns mal wieder deutlich, dass die Kundenwünsche trotz aller validen Informationen ignoriert werden. Von wegen Mitarbeiter_innen sind Kunden! Die Wünsche dieses spezifischen Kunden werden stets konsequent ignoriert und verdrängt. Dass wird noch Inhalt eines anderen Posts sein.

Jede/r Dritte würde gerne von zu Hause arbeiten, aber nur jede/r Zehnte tut es. Dass es auch anders geht zeigen die Beispiele aus Skandinavien (Anteil von 28 %), den Niederlanden (Rechtsanspruch auf einen Tag Home-Office pro Woche) oder die neue Zentrale von Microsoft in München.

Seit wir aber nicht mehr Dichter und Denker ausbilden, sondern Absolventen des Bologna-Prozesses produzieren, bleiben halt Tiefgang, Kreativität und Rückgrat auf der Strecke. Nicht nur im intellektuellen Diskurs, sondern auch in den Unternehmen. Und das ist mit eins der wesentlichen Probleme, dass die Zukunfts- und Lebensfähigkeit der Unternehmen bedroht.

Der Rest ist Hobby oder über die Sinnlosigkeit der Sinnstiftung

„Du wirst geboren und du stirbst. Der Rest ist Hobby.“ Ein falsch verstandenes Zitat

Mark (Lambertz) hat den von Winfried (Felser) aufs Feld gerollten Ball bezüglich der Blogparade #NewWork17 aufgenommen und gekonnt in einen hervorragenden Beitrag mit utopischen Ausblick verwandelt. Ich nehme seinen Pass allzu gerne auf.

Es war das Jahr 1999 als in der Jungle World das Manifest gegen Arbeit von der wertkritischen Gruppe Krisis veröffentlicht wurde, das im linken Intellektuellen Milieu einen immensen Impact hatte und im Mainstream aber so gut wie überhaupt nicht beachtet wurde. Umso erstaunter war ich, als ich 2001 in dem Artikel Bündnis gegen Arbeit in der brand eins die Erwähnung des Manifests las. In diesem Zusammenhang war es auch das erste Mal, dass ich von dem Konzept Neue Arbeit (New Work) von Frithjof Bergmann hörte.

Frithjof Bergmann erkannte auch schon früh, was der Rauschebart aus Trier vorausgesagt hatte. Dass die technische Entwicklung der maschinellen Produktivkräfte (er nannte sie tote Arbeit) kontinuierlich die lebendige Arbeit (das menschliche Arbeitsvermögen) ablösen wird. Warum? Weil die Unternehmer getrieben von der allseitigen Konkurrenz der kapitalistischen Produktionsweise dazu quasi gezwungen werden. Also Systemzwang. Automatisierung oder Untergang.

Dass diese Entwicklung wie ein ehernes Gesetz wirkt, lesen wir nicht nur jeden Tag in den Seiten des Feuilletons, sondern seit geraumer Zeit auch endlich im Wirtschaftsteil.

Bereits 2011 hatten Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem in Deutschland viel zu wenig beachteten Werk Race Against The Machine, die Auswirkungen der Digitalisierung anhand von Statistiken und Daten auf die lebendige Arbeit in den USA beschrieben und das obige eherne Gesetz wissenschaftlich nachgewiesen.

Bergmanns Intention war und ist es die uralte visionäre Utopie einer Gesellschaft, die jedem Individuum ein gutes Leben ermöglicht, sukzessive wahr werden zu lassen. Was zeichnet ein gutes Leben aus? Ein Leben in Selbstbestimmung, Selbstentfaltung, Selbstentwicklung und Selbstverwirklichung. Jenseits von Notwendigkeiten, Fremdbestimmungen und Abhängigkeiten. Ein Leben im Hobby (Travail Attractif). Im Gegensatz zu den meisten Utopisten, sieht er bereits eine mögliche Teilverwirklichung im Hier und Jetzt, da die materiellen Möglichkeiten und Bedingungen hierfür gegeben sind. Und nicht erst in einer postkapitalistischen ominösen Zukunft. Davon hat das jetzige Individuum rein gar nichts.

Natürlich wurde sein Konzept und Projekt sofort von der Verwertungsmaschinerie aufgegriffen und zweckentfremdet. Wie so viele andere emanzipatorische Konzepte auch. Alles was der Verwertungslogik dient wird sich angeeignet und verwertet. Als der New Work Award von Xing an den Start ging, war klar in welche Richtung das gehen würde und musste.

Was ist Arbeit, was ist Hobby? Leider wurde bis dato weder in der HR Community, noch in den jeweiligen geisteswissenschaftlichen Disziplinen ein substantieller und zeitgemäßer Arbeitsbegriff kreiert. Deswegen ein kurzer, wirklicher kurzer Entwurf über die beiden Begriffe aus kybernethischer Perspektive.

Alle lebendigen Organismen müssen und wollen sich in doppelter Hinsicht reproduzieren. Weil es aber keine selbstgenügsamen Organismen gibt, müssen alle Organismen mit Anderen notwendigerweise in Beziehung treten, um Energie aufzunehmen. Das menschliche Individuum als Organismus muss dies auch tun. Es tut dies indem es mit seiner Umwelt in einen prozessualen Stoffwechsel tritt. Dieser Stoffwechselprozess ist die notwendige Arbeit. Diese Arbeit hat eine bestimmte gesellschaftliche Form, denn das Individuum produziert immer als Teil einer Gemeinschaft oder Gesellschaft. Die aktuelle Form dieser notwendigen Arbeit zur Existenzerhaltung und Sicherung ist die Lohnarbeit. Deswegen redet man auch von abhängig Beschäftigten. Ihre Arbeit ist nicht nur fremdbestimmt, sondern auch in vielfacher Weise ihnen selbst entfremdet. Interessanterweise sucht man in allen Employement Diskursen den Begriff der Entfremdung vergeblich.

Hobby hingegen ist die attraktive (anziehende) Arbeit, weil sie einerseits nicht notwendig ist, nicht fremdbestimmt, sondern selbstbestimmt und gewollt. Synonyme für diese Form von Arbeit sind die freien Tätigkeiten von Nerds, Hackern und Hobbyisten. Sie gehen in ihrer Arbeit auf und vergessen die Zeit dabei. Sie sind mit Leidenschaft bei der Sache und tun es aus eigenem Antrieb, bis das individuelle Ziel erreicht ist.

Alle neuen marketingtechnischen Ansätze (Sinnstiftungsmaßnahmen, Hierarchieabbau- und Demokratisierungstendenzen, etc.) haben nur ein Ziel:

Das entfremdete und abhängig beschäftigte Individuum durch Social Engineering Maßnahmen zum Unternehmenshobbyisten zu transformieren. Symptonbehandlung bei gleichzeitiger Ursachenverdrängung. Aus notwendiger Arbeit, soll nämlich Travail Attractif werden.

Dass das nicht funktionieren wird, hat Lars (Vollmer) schon 2014 in seinem Beitrag klar auf den Punkt gebracht. Arbeitende sind weder triviale, noch nicht triviale Maschinen. Sie sind überhaupt keine Maschinen. Sie sind Individuen. Komplexe Lebewesen. Nicht mehr und nicht weniger. Solange man dies nicht berücksichtigt, führen alle banalen Optimierungsversuche zwangsläufig ins Leere.

Und weil wir in einer Gesellschaft leben, in der alles der Verwertungslogik des Geldfetisches unterworfen ist, sind all diese Social Engineering Anstrengungen selbst zu einem Erwerbszweig geworden. Das erklärt auch die inflationäre Produktion von Bullshit-Bingo am Markt. Aufmerksamkeit durch Buzzwörter erheischen, um die eigenen unausgereiften Ideen zu Geld zu machen.

Neuestes Highlight ist die Sinnstiftung. Wenn Unternehmen Sinn stiften, dann sind die Arbeitsvermögensbesitzer motivierter und identifizieren sich mehr mit ihrer Arbeit und dem Unternehmen. Und der Zweck von Unternehmen sei Profit zu erwirtschaften. Echt? Wow, was für eine Erkenntnis. Doch der Sinn muss ein anderer sein. Aha. Sinn und Zweck werden einfach mal willkürlich getrennt und neu besetzt. Moment mal. Hatten wir das nicht schon mal? Stimmt, war ja bei New Work auch nicht anders. Einfach mal den ursprünglichen Inhalt des Begriffes entleeren und neu definieren. Mit dem richtigen Sinn, erträgt man bestimmt die Zumutungen der agenturseitigen Lohnaufstockung viel besser. Zum Glück ist die Wirklichkeit resistent gegen menschliche Phrasendrescherei. Vielleicht erst einmal die Begriffe von Sinn und Zweck verstehen, bevor man mit ihnen wild um sich schmeißt. Es hat einen Grund, warum sie synonym verwendet werden. Wer sich erinnern mag. Die Generation vor uns brauchte all diesen Bullshit nicht, um aus tiefstem Herzen unbewusst zu sagen, „meine Firma“. Warum das so war, das sollte vielleicht einmal Gegenstand der Diskussion sein. Da waren Unternehmen noch klassisch und hierarchisch organisiert, mit archaischen Chefs, usw. Und die Arbeitenden waren, loyaler, motivierter und produktiver. Vielleicht finden wir da einige Anregungen? Der Beitrag von Hendrik (Epe) geht da schon in die richtige Richtung.

Täglich hören und lesen wir, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Kommen aber nicht auf die Idee, dass dies ja nichts Anderes ist, als die Wiederspiegelung unserer Unternehmenswirklichkeit.

Hier sind die Individuen als Selbstständige, Scheinselbstständige, Werkvertragsarbeitnehmer, Leiharbeitnehmer, Minijobber und als Befristete beschäftigt. Also fängt die Klassengesellschaft schon im Betrieb an. Oh Gott, er hat das böse Wort gesagt. Interessanterweise gehören in den anglo-amerikanischen Diskursen die Begriffe Klasse und Kapitalismus zum Standardvokabular. Nur bei uns in Deutschland erinnern mich die Reaktionen bei diesen Begriffen an die Steinigungsszene aus das Leben des Brian. Blasphemie!

Aber verbringen wir weiter unsere Zeit mit Bullshit-Bingo und Selbsttäuschung. Das eherne Gesetz wirkt weiter, auch wenn wir die Augen davor verschließen.

Die Unternehmen und ihr Wirken geschieht nicht im luftleeren Raum. Sie sind Systemelement und Subsystem des gesamtgesellschaftlichen Systems. Von New Work Konzepten zu schwadronieren und zu hoffen, dass die Wirklichkeit an einem vorübergeht, ist ehrlich gesagt nicht wirklich Managementlike.

Wer Dinge ändern will, muss sie erst einmal Begreifen, um sie zu verstehen. Dafür brauchen wir aber die richtigen Begriffe, vielleicht auch die dazu notwendigen Tools. Nur, wenn wir die Dinge, Tatsachen und Probleme beim Namen nennen und den Dingen radikal auf den Grund gehen, dann können wir sie in Managementmanier angehen, wirksame Möglichkeiten entwickeln und greifbare Ergebnisse erzielen. Um dies zu verwirklichen bedarf es aber der Einsicht und eines wirklichen Willens, vor allem der Entscheider auf Unternehmensseite. Vergessen wir nicht, die Wirklichkeit wirkt ohne auf unsere Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Gestern, heute und morgen auch.

Geboren sind wir schon. Sterben werden wir auch. Machen wir die Suche nach einer wirklichen New Economy und dem damit verbundenen New Work zu unserem gemeinsamen Hobby. Dann klappt es auch mit den Utopien.

Kybernethik, jenseits der babylonischen Begriffskonfusion

Da ist es wieder. Dieses Gefühl, in wahrhaft wirren Zeiten zu leben. Es fängt schon damit an, dass wir nicht einmal wirklich wissen in welcher Epoche oder welchem Zeitalter und in was für einer Gesellschaft wir leben?

Leben wir nun im Informationszeitalter oder in dem des Computers? Im Spätkapitalismus oder beziehungsweise im Postfordismus? Noch Spätmoderne oder schon Postmoderne? Erleben wir die zweite, dritte oder vierte Industrielle Revolution? Oder doch vielmehr die Digitale oder gar die Mikroelektronische? Wissens-, Netzwerk- oder Dienstleistungsgesellschaft? Haben wir das Human Age oder wahrscheinlich doch eher das Human Edge, also Anthropozän? Wie war das noch mal mit Beschleunigung und Verflüssigung? Lauter wohlklingende und werbewirksame Worthülsen. Aber ebenso verwirrend.

Eine Gewissheit haben wir aber doch. Es gibt wohl kaum einen anderen Zeitabschnitt in der Menschheitsgeschichte, indem mit solcher Geschwindigkeit Müllberge von Buzzwörtern produziert wurden. Man kommt ja mit dem Bullshit-Bingo spielen kaum noch nach. Ganz neu im Marketing-Mumbo-Jumbo sind jetzt, Komplexität, agile Organisation, weniger Hierarchie, Sharing Economy, Industrie 4.0, New Work usw. usf. Ein Wunder, dass wir nicht an Begriffs-Burnout erkranken. Diese Begriffskonfusion nimmt langsam echt babylonische Ausmaße an. Dieses Sprachwirrwarr bringt nicht nur unsere Sprache durcheinander, sondern erzwungenermaßen auch unsere Gedanken.

Produktives Denken verlangt aber nach Ruhe, Muße und Ordnung, sowie alle Lebewesen nach Ordnung streben, um sich zu reproduzieren. Verwirrung, Unordnung und Desorientierung sind dabei kontraproduktiv. Insbesondere, wenn sie im Stakkato daherkommen.

Klare, konsistente und systematische Begriffe sind für unser Denken und Verstehen von elementarer Bedeutung. Wie elementar, wussten schon die Verfasser des Buches Genesis, die Adam den geschaffenen Kreaturen Namen geben ließen. Adam, der im wahrsten Sinne des Wortes Begreifende, erzeugte und bildete Begriffe um Zugriff auf die ihn umgebende Realität zu erhalten, und sich seiner eigenen Stellung im Kosmos bewusst zu werden. Wie bei einem heranwachsenden Kleinkind, dass peu à peu anfängt mit einfachen abstrakten Begriffen die Welt um sich herum und sich selbst zu erkunden, zu erkennen und zu verstehen. Begriffe sind nun mal Produkte der Sprache und formen die eigenen Realitätstunnel, sind damit auch gleichzeitig bewusstseins- und identitätsstiftend.

Neben der Begriffsbildung ist auch die Begriffsbesetzung von immenser Bedeutung. Das kann man am besten an politischen Macht- und Herrschaftsdiskursen sehen. Aus ihnen ist die Begriffsbesetzung nicht mehr wegzudenken. Heiner Geißler soll angeblich mal gesagt haben, wer die Begriffe besetzt, besetzt die Köpfe der Menschen. Die Aussage von Kurt Biedenkopf, dass statt der Gebäude der Regierung, die Begriffe besetzt werden, ist jedenfalls im Gegensatz zu Geißlers Aussage verifizierbar. Lewis Carroll hat schon im 19. Jahrhundert in seinem Werk Alice hinter den Spiegeln diese Erkenntnis literarisch verarbeitet.

„Aber ‚Ruhm‘ heißt doch nicht ‚schönes zwingendes Argument‘“, entgegnete Alice.

„Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“

„Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst“.

„Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles.“

Also handelt es sich bei der Begriffsdefinition vorrangig um die Macht der Deutungshoheit. Denn Begriffe können als Herrschafts- und Machtinstrument auch eingesetzt werden, um das Begreifen zu verhindern. Dies kann beispielsweise durch gezielte Manipulation und Propaganda geschehen, um bestimmte Verhältnisse zu legitimieren, zu verschleiern oder die Betroffenen zu täuschen. Alternativ können Begriffe glücklicherweise auch als Aufklärungsinstrument genutzt werden. Sie sind dann ein emanzipatorisches Mittel um bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse oder Selbsttäuschungen zu durchschauen, zu entschleiern und auszuhebeln. Kritische Erkenntnistheorie war schon immer auch Sprachkritik.

Der erste Schritt zur Begriffsdefinition und Bedeutung ist erst einmal sich mit der Etymologie zu beschäftigen. So kann in der Regel zuerst einmal die ursprüngliche Bedeutung wieder hergestellt werden. Überhistorische Begriffsbedeutungen sollten dabei vermieden werden. Sie greifen zu kurz und beschneiden unweigerlich unsere Erkenntnis. Deswegen muss der zweite Schritt sein, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen. Vergleichbar mit unserem Spracherwerb. Also vom einfachen zum komplexen. Dies bedeutet aber auch die Begriffe und ihre Bedeutungen in ihren historischen Entwicklungsprozessen nachzuvollziehen. Denn, nur wer ihre Vergangenheit kennt, kann ihre Gegenwart verstehen und damit ihre Zukunft gestalten.

Kommen wir mal zu dem Begriff Kybernethik. Was soll der eigentlich bedeuten? Was kann und soll man unter ihm verstehen? Ist er eventuell auch nur so ein Buzzwort aus dem Bullshit-Bingo? Oder ist es ein klarer und systematischer Begriff mit Substanz?

tbc

Einführung in die Kybernetik

Einführung in die Kybernetik. unter besonderer Berücksichtigung von technischen und biologischen Wirkungsgefügen. Lehrbuch für Studenten aller Fachrichtungen

Die Begriffe der Kybernetik und Informationstheorie nehmen im wissenschaftlichen wie im populären Schrifttum einen immer breiteren Raum ein. Für die moderne Technik sind sie zur Voraussetzung geworden, aber sie finden sich ebenso in den Lehrbüchern der Biologie und Physiologie wie in soziologischen, volkswirtschaftlichen und erkenntnistheoretischen Arbeiten. Und auch die Phantasie entzündet sich an den neuen Denkwegen! Nicht nur Erkenntnis, sondern auch Macht verspricht sich der modern Mensch von dieser Wissenschaft, die, übersetzt, die Steuermannskunst heißt. Die Information ist heute ein hart umkämpftes Gut. Man spricht vom Anbruch eines kybernetischen Zeitalters, von dem man ungeahnte Möglichkeiten der Manipulation erwartet, und von dem manche die Verwirklichung der
künstlichen Intelligenz erhoffen. Artificial intelligence, AI, ist bereits ein Fachausdruck geworden. Begriffe, die im Rahmen einer recht abstrakten Wissenschaft entstanden sind, haben über Nacht eine allgemeine Bedeutung gewonnen.

Das vorliegende Buch, das aus Vorlesungen hervorgegangen ist, hat sieh die Aufgabe gestellt, ohne mathematischen Aufwand eine klare und möglichst präzise Vorstellung von den Grundbegriffen und Denkwegen der Kybernetik und Informationstheorie zu vermitteln. Es ist für diejenigen gedacht, die nicht Spezialisten sind, die aber diese Denkmittel im Rahmen ihrer Fächer kritisch verstehen und sinnvoll verwenden
wollen.

Sachsse, Hans: Einführung in die Kybernetik : unter besonderer Berücksichtigung von technischen und biologischen Wirkungsgefügen. Lehrbuch für Studenten aller Fachrichtungen. Berlin Heidelberg New York: Springer-Verlag, 2013.

Anthropologie der Technik

Anthropologie der Technik. Ein Beitrag zur Stellung des Menschen in der Welt

Heute spüren wir, daß wir mit dem unbekümmerten technischen Fortschritt, für den das Neue auch schon der Bessere bedeutet, auf eine Grenze stoßen, daß wir dabei sind, uns eine Wirklichkeit zu schaffen mit Sachzwängen und Problemen, in der wir uns immer weniger zurechtfinden. Es genügt nicht mehr zu erkennen, was sich mit Hilfe der Technik alles machen läßt, sondern es bedarf einer Besinnung auf die Funktion, auf den Rang, auf die Bedeutung der Technik für den Menschen, es bedarf einer Techniktheorie in anthropologischer Sieht.

Sachsse, Hans: Anthropologie der Technik : Ein Beitrag zur Stellung des Menschen in der Welt. Berlin Heidelberg New York: Springer-Verlag, 2013.