Über die #NewWork Pharisäer oder warum Onkel Tom Freiheit nicht denken kann

„The grabbing hands grab all they can
All for themselves – after all
It’s a competitive world
Everything counts in large amounts“
(Depeche Mode, Everything Counts)

Am 22. Mai wurde auf dem vom Winfried (Felser) moderierten Event der Detecon International GmbH, das bereits als neuer Hype gelobhudelte Buch ‚New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt‘ von Benedikt Hackl et al. vorgestellt.

Winfried plädierte gemäß der Tradition des Alten Testaments für mehr Heiligen Zorn in der #NewWork Debatte. Auch das Neue Testament steht ganz in der Linie dieses Alten Bundes.

Im Sinne dieser Neutestamentarischen Tradition folge ich dem Aufruf Winfrieds‘, der neuen heiligen Ikone der #NewWorker, und trage erneut My Two Cents zur Debatte bei.

Bereits in meinem zweiten Gedankenfragment zur Blogparade #NewWork17 von Winfried, hatte ich mich mit dem o.g. Buch beschäftigt. Dort hatte ich darauf hingewiesen, dass es ohne eine tiefergehende Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Arbeits- und Entfremdungsbegriff von Onkel Marx, keine ernsthafte Theorie über die Zukunft der Arbeit geben kann. Dass dies in der aktuellen #NewWork Debatte auch weiterhin nicht passieren wird, hat die Antwort von Benedikt Hackl auf Winfrieds Frage, ob es sich bei #NewWork eventuell um einen Formwechsel der Knechtschaft handeln würde, gezeigt:

„Soweit würde ich nicht gehen, von Knechtschaft zu sprechen.“

Und führt weiter aus, dass die Studien der letzten Jahre gezeigt haben, dass das Commitment und die Begeisterung für #NewWork sinkt und nur noch bei knapp 50% liegt. Um im Anschluss direkt wieder die Schuld dafür im Mindset der zu Erlösenden zu suchen.

Dieses Argumentationsmuster, dass eine konkret kritische Frage wieder mit einem lapidaren Satz beiseiteschiebt und business as usual weiter argumentiert, assoziiert bei mir das Musterbild des Pharisäers. Wer oder was waren aber die Pharisäer, die sich Jesu Zorn zuzogen?

Die Tora – das jüdische Gesetz – war in Hebräisch geschrieben, aber die Menschen zur Zeit Jesu sprachen und verstanden nur Aramäisch. Also bildete sich ein neuer Stand heraus, der das Gesetz verwaltete und seine Umsetzung im täglichen Leben in Vorträgen und öffentlichen Diskussionen erklärte. Dies waren die pharisäischen Schriftgelehrten und die Gesetzeslehrer, die ihre Anhängerschaft insbesondere in der Mittelschicht, also im Kleinbürgertum hatten. Für die Pharisäer sollte der wahre Gläubige nur dem Gesetz dienen, da es das Gesetz Gottes war.

Jesus stritt sich vor allem mit den Pharisäern um die praktische Auslegung der heiligen Gesetze. Er war ihnen gegenüber meist zornig aggressiv (auf jemanden zugehen; sich nähern), weil er für seine menschlichen Werte und erlösenden Ziele kämpfte.

Angelpunkt der Diskussion war immer, ob das Gesetz für den Menschen da ist oder der Mensch für das Gesetz und wie Gott zu huldigen ist. Dies bringt am besten die Geschichte über das Sabbatgebot in Markus 2,27 zum Ausdruck:

„Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“

Dies zeigt den fundamentalen Widerspruch zwischen Jesus und den Pharisäern. Es geht letztendlich um das Primat von Mensch oder Gesetz. In diesem Zuge auch um das richtige Gottesverständnis. Entweder Gott als abstrakter Herrscher oder als neuplatonisch liebende Vaterfigur. Diese Analogie lässt sich auch auf die #NewWork Debatte übertragen.

Wem oder was dient eigentlich #NewWork? Ist #NewWork für den Menschen da, oder der Mensch für #NewWork?

Gemäß den pharisäischen Apologeten des #NewWork Establishments handelt es sich bei #NewWork um eine Antwort auf eine unvermeidbare und tiefgreifende Veränderung (#Disruption) in der gesellschaftlichen Makroebene, auf die sich die Unternehmen und Mitarbeiter (Mesoebene) in Form von #NewWork wappnen und umstellen müssen.

Sprich, da haben wir wieder die naturwüchsige („göttliche“) disruptive Macht der Digitalisierung und Automatisierung, der sich alle anpassen und unterordnen müssen.

Dass es sich hierbei um einen ideologischen Herrschaftsdiskurs handelt, zeigen schon die Verwendung des Disruptionsbegriffs, der nichts anders ist als ein Werbeslogan der Kalifornischen Ideologie des Silicon Valley und die Darstellung menschengemachter Entwicklungen als naturgegeben.

Damit demaskieren sich die Pharisäer selbst und zeigen wessen Diener und wes Geistes Kind sie sind. Es geht nämlich um nichts weniger als um die Reproduktion des Akkumulations- und Kapitalfetischs (Götze) und somit der Erhaltung und Fortführung der Erwerbsarbeit (Götzendienst).

„Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!“ (MEW, Bd. 23, S. 621)

Im Gegensatz zu Hackl et al. plädiert Markus Väth in seinem Buch ‚Arbeit – die schönste Nebensache der Welt: Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert‘ wenigstens geradeheraus für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Die ganze Debatte richtet sich auch nur an eine privilegierte Gruppe von Arbeitnehmer_innen, die sogenannten Wissensarbeiter_innen. Die von den digitalen Rationalisierungsprozessen bedrängten und erniedrigten Individuen in prekären Beschäftigungsverhältnissen kommen nicht in den Genuss des Neuen Arbeitens, für sie bleibt es gemäß Aldous Huxley nur die Schöne Neue Arbeitswelt.

Aus diesem Grund braucht die ganze Debatte dringend mehr Heiligen Zorn. Und wer wäre da besser geeignet als der Gegenspieler der Pharisäer.

Jesus war nicht nur ein Gegner des Akkumulationsfetischs wie seine Tempelaktion beweist, er plädierte auch für die Abschaffung der Erwerbsarbeit:

„Seht euch die Lilien an: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht.“ (Lukas 12,27)

Außerdem richtete sich seine ganze Missionstätigkeit primär an die Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft, denn ihr Leid war von dieser Welt. Als jüdischer Messias wollte er auch nichts weniger als das Himmelreich auf Erden.

Allen emanzipatorischen Utopien geht es vorrangig um nichts weniger als die Emanzipation und die größtmögliche Handlungsfreiheit eines jeden Individuums. Deswegen braucht die Debatte neben dem Heiligen Zorn, auch dringend konkrete utopische Forderungen.

Aber warum tun das die Pharisäer nicht? Weil sie es nicht können. Es ist ihre ökonomische Charaktermaske die da spricht, denn auch sie haben ökonomische Interessen und sind den stummen Zwängen der ökonomischen Verhältnisse unterworfen. Und aufgrund ihres notwendig falschen Bewusstseins können sie nicht die Fesseln sehen, geschweige denn spüren. Sie sind wie Onkel Tom:

Eines Tages, als sich die Möglichkeit zur Flucht bot, rannte Kunta Kinte zu Onkel Tom.

„Onkel Tom, lass uns fliehen“.
„Warum sollen wir fliehen Kunta? fragte Onkel Tom“
„Damit wir frei sind!“ schrie Kunta freudig.
„Aber wir sind doch frei!“ erwiderte Onkel Tom. „Schau wird dürfen im Gegensatz zu den Baumwollpflückern im Haus schlafen, müssen keine Ketten tragen, dürfen die leckeren Reste essen und der Massa peitscht uns nicht. Er behandelt uns gut und wir können uns frei bewegen.“

Was uns diese fiktive Geschichte sagt? Unsere kapitalistische Produktionsweise hat uns so nachhaltig geformt und exponentiell entfremdet, dass sie selbst unsere tiefsten Bedürfnisstrukturen so verändert hat, dass sie ihren Verwertungsbedürfnissen entspricht und wir nicht einmal mehr in der Lage sind, jenseits der Verwertungslogik zu denken.

Rousseau irrte als er behauptete der Mensch sei frei geboren, aber er hatte recht, dass der Mensch überall in Ketten liege. Und manch einer würde die Knechtschaft nicht einmal erkennen, wenn sie ihm mit einem Brandeisen auf die Stirne gebrannt würde, geschweige denn ihre Formwechsel. In diesem Sinne…

„Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“ (George Orwell, 1984)

Don’t Believe the Hype: Digitalisierung als ideologisches Naturereignis

„John Stuart Mill sagt in seinen „Prinzipien der politischen Ökonomie“: „Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben.“ Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie…Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.“ (MEW, Bd. 23, S. 391)

„Eine kritische Geschichte der Technologie würde überhaupt nachweisen, wie wenig irgendeine Erfindung…einem einzelnen Individuum gehört. Bisher existiert kein solches Werk. Darwin hat das Interesse auf die Geschichte der natürlichen Technologie gelenkt, d.h. auf die Bildung der Pflanzen- und Tierorgane als Produktionsinstrumente für das Leben der Pflanzen und Tiere. Verdient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder besondren Gesellschaftsorganisation, nicht gleiche Aufmerksamkeit? Und wäre sie nicht leichter zu liefern, da, wie Vico sagt, die Menschengeschichte sich dadurch von der Naturgeschichte unterscheidet, daß wir die eine gemacht und die andre nicht gemacht haben?“ (MEW, Bd. 23, S. 392 ff.)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Digitalisierung. Die Politik, die Medien, die Industriebosse, die Unternehmensberater und sonstige orakelnde Wahrsager, haben sich verbündet, um vor der digitalen Heimsuchung zu warnen und der vierten industriellen Erlösungserwartung zu huldigen.

Landauf landab werden die unausweichlichen Auswirkungen der sogenannten Digitalisierung und der sogenannten Industrie 4.0 beschworen. Als würde es sich um eine Naturkatastrophe unbekannten Ausmaßes handeln, die keinen Stein auf dem anderen lässt. Das Arbeiten wie wir es kennen, würde sich nicht nur epochal verändern, sondern es würde in noch nie dagewesenem Maße ausgelöscht werden.

Diese deterministischen Prophezeiungen sind nicht nur subjektiv empfundene Beobachtungen, sondern sie wurden in der Studie ‚Die Zukunft der Arbeit als öffentliches Thema‚ von der Otto Brenner Stiftung statistisch und datentechnisch nachgewiesen.

„Die Digitalisierung erscheint in der journalistischen Berichterstattung als etwas quasi Naturgesetzliches. Die Menschen und die Gesellschaften machen sie nicht, sondern sie sind damit konfrontiert und müssen sich darauf einstellen. Wirtschaftliche, militärische, wissenschaftliche Interessen, die den Digitalisierungsprozess antreiben, werden kaum angesprochen.“ (S.95)

Als handle es sich bei der Digitalisierung um ein handelndes Subjekt und wer sich dem anrollenden Tsunami nicht anpasst wird zwangsläufig elendig auf der Strecke bleiben und verspielt somit seine Zukunft. Solch ein fatalistischer und fanatischer Determinismusglaube würde sogar die marxistischen Dogmatiker der Kommunistischen Internationale neidisch machen.

Immer wenn im öffentlichen Mainstreamdiskurs Urheber, Initiatoren und Akteure hinter Abstrakta und sächlichen Pronomen verschwinden und als alternativlose Sachzwänge erscheinen, ist der Verdacht der ideologischen Verschleierung angebracht.

Gemäß der ZDF Homepage handelt es sich bei der Definition eines Zeitgeistes (Hypes) um Ideologie, wenn das Partikularinteresse der Mächtigen als das gemeinschaftliche Interesse aller verkauft wird.

Diese im Mainstream konsequent forcierte Debatte begleiten zwei Bücher kritisch, mit unterschiedlichen Zielsetzungen.

In seinem Buch ‚Automatisierung und Ausbeutung – Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus widmet sich Matthias Martin Becker dem Transformationsproblem. Also dem Problem, aus eingekauftem individuellem Arbeitsvermögen (sogenannte Arbeitskraft) größtmögliche Arbeitsleistung herauszuholen. Sein Fazit die lebendige Arbeit wird nicht wie prophezeit verschwinden, sie wird aber durch die Digitalisierung stressiger, überwachter und billiger. Und „der Kardinalfehler der neuen Automatisierungsdebatte besteht darin, technische Möglichkeiten mit tatsächlichen Arbeitsprozessen zu verwechseln. Das sozusagen abstrakte Potenzial technischer Neuerungen, Zeit oder Material einzusparen, ist etwas anderes als der tatsächliche Einsatz. Dass die Leistungsfähigkeit der neuesten Computersysteme und Roboter fast immer überschätzt wird – auch weil erschreckend viele Autoren die Versprechen der Herstellerfirmen ungeprüft übernehmen – verunklart die Prognosen zusätzlich. Dies gilt umgekehrt auch für die nützlichen Gegenstände und angenehmen Verhältnisse, die sich mit digitaler Technik prinzipiell herstellen lassen. Apparate ermöglichen, sie erzwingen nicht.“

Philipp Staab beschreibt in seinem Buch ‚Falsche Versprechen – Wachstum im digitalen Kapitalismus‘, dass die Digitalisierung mit ihren Wachstumsversprechen eine neue strategische Antwort auf die Nachfrageschwäche durch die „Abkühlung der Konjunktur ab den 1960er Jahren“ sein soll. Er nennt dies explizit das „Konsumtionsproblem“. Laut Staab hält die Nachfrage mit der Entwicklung der Produktivität nicht Schritt. An dieser Nachfrageschwäche wird die von ihm in Anlehnung an die „Lean-Production-Modelle“ bezeichnete „Lean Consumption“ auch nichts ändern. Denn die digitale Rationalisierung und Effizienz der Konsumtionssphäre wird auch keine zusätzliche Nachfrage generieren können. Denn die gleichzeitigen Digitalisierungs- und Automatisierungsprozesse in der Produktions- und Distributionssphäre gehen auf Kosten menschlicher Arbeit, womit die Massenkaufkraft weiter geschwächt und das vielbeschworene Nachfragewachstum ad absurdum geführt wird. Somit bleibt die der Digitalisierung implizite Verheißung neuer wirtschaftlicher Wachstumsimpulse systembedingt ein falsches Versprechen.

Wie man an der Mainstreamdebatte sehen kann, verläuft die Diskussion über die sogenannte Digitale Revolution vornämlich technologiezentriert und der arbeitende Mensch muss sich ihr anpassen. Ganz so wie die früheren Debatten über Rationalisierung, Lean Production, New Economy, etc.. Immer ist es die Technologie, die die Unternehmen und Arbeitenden als sachlicher alternativloser Prozess dazu zwingt sich zu verändern. So als wäre die Technologie die eigentliche Macht und nicht die Unternehmenseigner und Manager.

Gerhard Schmidtchen hat bereits in seinem leider wenig beachteten Buch ‚Die Dummheit der Informationsgesellschaft‚ dafür plädiert die richtigen Fragen zu stellen, um die ideologische Vernebelung zu durchbrechen:

„Wir erleben ja gerade den Siegeszug der Mikroelektronik, der intelligenten Technik in unserer Kultur. Die Automation in den Fabriken ist schon nicht mehr neu. Niemand will zurück zum alten Zustand. Die Versprechungen sind groß, der Enthusiasmus ist ungebrochen. Der Konsens über die neue Technik erreicht den Zustand der Fraglosigkeit. Genau hier beginnt das Problem. Technik ist immer ein Mittel. Richten sich der Enthusiasmus, die Vergöttlichung, auf Werkzeuge, so werden wir blind für die Ziele, denen sie dienen sollen. Aus angebeteten Dienern sind noch immer Herrscher geworden, und dann stehen wir eines Tages dumm da. Es ist nicht Arroganz, wenn wir uns Gedanken machen, was auf der Verlustseite der Digitalisierung stehen könnte.“

Wie die beiden o.g. Bücher zeigen, stehen auf der Verlustseite immer die abhängig Beschäftigten, die arbeitenden menschlichen Individuen. Die ganze Debatte bräuchte einen Gegenpart, der einen humanzentrierten Ansatz vertritt. Doch wer soll diesen führen?

Die Schlagworte hypende Beraterriege mit ihrem #NewWork Gewäsch? Was ja nichts anderes ist als den technologie- und profitorientierten Ansatz mit gute Laune Phrasen und dem Anstrich von Spieleworkshops zu versüßen, um daraus selbst Profit zu schlagen. Hier besteht unweigerlich ein Interessenskonflikt, denn wessen Brot ich ess…

Eigentlich wäre es die Aufgabe von HR. Jedoch ist das Personalwesen und die HR Community in ihrer jetzigen Situation und Formierung weit davon entfernt auch nur Ansatzweise solch eine Rolle zu füllen, geschweige denn wirkliche Experten zu sein. Dafür müssten das Personalwesen und die HR Community endlich mal einen eigenen Standpunkt jenseits der Kategorien von Kapital und Arbeit einnehmen und eine eigene Agenda setzen und verfolgen, als immer nur den fremdbestimmten Marketingtrends hinterherzulaufen. Oder einfach mal die #NewWork Debatte kapern und sich in diesem Zuge selbst neu erfinden und den digitalen Transformationsprozess humanzentriert mitzugestalten.

Hierzu gehört auch eine Diskussion wie Human Resources wieder zu Human Relations wird. Aber auch die offene und offensive Thematisierung des Interessenskonflikts zwischen toter (maschineller) und lebendiger (menschlicher) Arbeit. Dann sind auch realistische und konvergente Lösungen möglich, die eine humanzentrierte Digitaltransformation ermöglichen könnten. Sonst werden Employee Self Services (ESS) und Recruting Algorithmen nicht nur HR wegdigitalisieren.

Und eines sollte man bei aller Diskussion nicht vergessen, die lebendige Arbeit ist das gestaltende Feuer, auch das der Digitalisierung und Automatisierung. In diesem Sinne, don’t believe the Hype.

Über das notwendig falsche Bewusstsein des #DigiTreff

Am 18.05.2017 hatte Inga (Ketels) von der Scopevisio AG zum Digitalisierungstreff #2 mit dem Thema Neues Arbeiten (NewWork) eingeladen.

Der Hype um NewWork geht einher mit der sogenannten Digitalisierung, Industrie 4.0. und VUCA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität) Debatte. Ob es sich bei NewWork um Arbeiten 4.0 handelt scheint noch nicht festzustehen. Doch, dass da etwas Neues kommt und etwas Neues gebraucht wird, scheint allseits gesichert.

Interessanterweise kristallisiert sich bezüglich des NewWork Diskurses in den meisten Beiträgen (ob nun auf dem gestrigen Podium oder im Netz) ein aufgewärmtes Narrativ heraus, welches im Cyberspace und im Feuilleton schon vor über zehn Jahren diskutiert wurde. Anhand der fehlenden Anknüpfung an diese alten Diskussionen kann man bereits erkennen wie fernab der originär digitalen Kultur der aktuelle Diskurs geführt wird. Und das im sogenannten Digitalen Zeitalter!

Im Jahr 2006 erschien das Buch ‚Wir nennen es Arbeit – Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung‘ von Sascha Lobo und Holm Friebe.

Bereits damals warben diese beiden angehenden Digiratis in bester Hipster-Manier für ein selbstbestimmtes und freies Arbeiten jenseits von Sozialversicherung und Festanstellung. Dank Internet und Laptop konnte die neue Klasse der digitalen Bohème von überall aus flexibel und unabhängig arbeiten. Anstatt über unsichere Arbeitsverhältnisse und abhängige Beschäftigung zu klagen sollte jeder sein unternehmerisches Selbst fördern und fordern. Es war die Zeit der Ich-AGs und die Anfänge der unternehmerischen und digitalen Selbstoptimierung. Und wer klagte war selber schuld und hatte das falsche Mindset. Arbeitszeit und Lebenszeit verschmolzen zusehends. Die Subjektivierung und Entgrenzung der alten New Economy war wieder en vogue. Es war das alte klassisch neoliberale Credo verpackt im Hipster-Jargon.

Die Zeit der Erscheinung irritiert nicht, denn es war die Zeit von Web 2.0 und der Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz I-IV). Selbst im Linksintellektuellen Milieu wurde das Paradigma der Immateriellen Arbeit und der Multitude diskutiert.

Wie gesagt alles schon mal dagewesen. Aber wie schrieb Marx in ‚Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte‘: Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

Ob es sich bei den beiden Diskursen um weltgeschichtliche Umwälzungen handelt, sei mal dahingestellt. Laut den selbsternannten „Influencer“ handelt es sich definitiv um solche. Die Tragödie ist Vergangenheit. Sascha Lobo preist nicht mehr in Hipster-Manier das Arbeiten und Leben der Digitalen Bohème, sondern spricht in klassenkämpferischen Ton von „Dumping-Hölle“ und „Plattform-Kapitalismus“. Die Soziologie hat den Begriff des Arbeitskraftunternehmers kreiert. Die Ich-AG ist Geschichte und die Existenzgründerzuschüsse der Agentur für Arbeit haben sich erledigt, da die Vermittlung in Festanstellung Vorrang hat. Und die meisten Soloselbstständigen fristen ein Dasein im Click- und Crowdworking.

Angesichts solch einer Entwicklung, trifft das Wort Farce auf das aktuell aufgewärmte NewWork Neusprech nahezu perfekt.

Aber warum ist das so? Wieso kreist das Narrativ des NewWork wiederum um dieselben Kategorien, wie Arbeit, Führung, Transparenz, Kollaboration, Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Flexibilität, Hierarchie, Selbstschuld, Mindset, usw. usf.? Wohin solche Verheißungen und Heilsversprechen unter kapitalistischen Macht- und Herrschaftsstrukturen führen, haben wir doch gesehen! Wollen wir nicht dazu lernen? Woran das liegt? Die kognitive Dissonanz lässt grüßen.

Es liegt am notwendig falschen Bewusstsein aller Beteiligten. Was das ist? Laut kritischer Theorie ist es das, was man Ideologie nennt. Im Netzjargon Filter Bubble und in der Netzkultur Realitätstunnel.

Es ist die Perspektive wie wir uns Selbst und unsere Umwelt sehen. Sprich es ist unser Bewusstsein. Auch, wenn wir glauben es sei von uns persönlich und frei gewählt, so ist es laut dem radikalen Konstruktivismus eine soziale Konstruktion oder wie Marx meinte, dass Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, also unser bewusstes Sein. Immer noch nicht verständlich?

Einfaches Beispiel: Unsere Sinne und unser Alltagsverstand, sprich unser Alltagsbewusstsein, lässt uns glauben, dass die Sonne morgens aufgeht und abends unter. Das haben die Menschen Jahrtausende lang geglaubt, da alle Informationen, die unser Bewusstsein formten, dies beinhalteten.

Erst als eine alternative, disruptive Information unser Bewusstsein streifte und unseren Realitätstunnel erschütterte, führte dies zur ersten Kränkung der Menschheit. Der sogenannten kosmologischen Kränkung. Das geozentrische Weltbild war passé. Doch die Herrschenden reagierten mit bekannten psychologischen Prozessen von Widerstand, Verdrängung und Übertragung.

Selbst heute noch, ist unser Sprachschatz von dieser Jahrtausende alten Erfahrung geprägt. Da die Sonne nun einmal jeden Morgen über dem Horizont aufgeht.

Deswegen fällt es auch so schwer das Thema NewWok jenseits von Erwerbsarbeit und Kapital zu diskutieren. Dieses notwendig falsche Bewusstsein behindert einen wirklichen Zugang zum originären NewWork Konzept. Denn Frithjof Bergmann war und ist halt sehr open minded. Und es ist der Grund dafür, warum verzweifelt versucht wird die Ergebnisse des Gallup Engagement Index‘ klein zu reden und die Ergebnisse des DGB-Index‘ Gute Arbeit zu ignorieren.

Und es ist vor allem dafür verantwortlich, warum wir uns eine Star Trek Zukunft wünschen, sie aber für unerreichbar halten. Denn es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Ja, die „Influencer“ des NewWork haben recht. Es ist eine Frage des Mindsets. Aber es ist leider ihr notwendig falscher Mindset, der konkrete Utopien unerreichbar erscheinen lässt. Denn für sie geht morgens immer noch die Sonne auf.

Falsches Bewusstsein: Eine Begriffsklärung von Joseph Vogl

Über Onkel Marx zum Hundertneunundneunzigsten im Kontext von NewWork

„An allem ist zu zweifeln“ (Karl Marx)

Onkel Marx wurde am 05. Mai 1818 in Trier geboren und feiert heute seinen hundertneunundneunzigsten Geburtstag. Seit der Finanzkrise 2007 scheint er wieder en vogue zu sein. Selbst der Vulgärökonom Hans-Werner Sinn hat angefangen ihn für einen der bedeutendsten Makroökonomen der Geschichte zuhalten und meint mit dem Marxschen Werk die kapitalistischen Wirtschaftskrisen erklären zu können.

Allerorten werden wieder die Marx-Lesekreise initiiert. In der Tradition der alten Bibellesekreise wird mit scholastischem Eifer das Kapital rezipiert. Über diesen Kapital-Lesekreisen schwebt der Geist der sogenannten Neuen Marx-Lektüre. Sprich der Mohr wird von allen Seiten einvernehmlich als kritischer Wert- und Krisentheoretiker interpretiert und dargestellt. Aber solch eine unzureichende Leseart verkürzt und behindert einen wissenschaftlichen Zugang zum Marxschen Werk.

Bereits 1933 erklärte Karl Dunkmann in seinem leider in Vergessenheit geratenen Buch ‚Soziologie der Arbeit‘ (welches ich allen nur empfehlen kann, die sich mit dem Themenkomplex Arbeit beschäftigen wollen) auf Seite 73 folgendes fest:

„Will man also die Theorie des „Marxismus“ voll und ganz begreifen, so hat man nicht von diesem Begriffe des Wertes aus das Ganze zu durchleuchten,… sondern man hat vom Begriffe der Arbeit auszugehen und diesen in allen Konsequenzen zu verfolgen. Marx schuf in seinem „Kapital“ das erste wirtschaftssoziologische Grundwerk von der menschlichen Arbeit, ihrer Bedeutung und ihrem Schicksal. Er legte es als rein theoretisches, streng wissenschaftliches Werk vor, und nur als solches kann es verstanden und geprüft werden.“

Marx verstand nämlich die menschliche Arbeit als dialektisch ontologisches Prinzip des Menschseins und Menschwerdens:

„Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“ (MEW, Bd. 3, S. 21)

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur.“ (MEW, Bd. 23, S. 192)

Dieser wissenschaftliche und Marxoriginäre Ansatz ist leider in Vergessenheit geraten. Dafür haben natürlich die unglücklichen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts gesorgt, sowie für seine damit zusammenhängende Verbannung aus den Wirtschaftswissenschaften und der Anthropologie. Aber auch die in Deutschland vorherrschende Marxrezeption der Neuen Marx-Lektüre hat ihr Übriges dazu beigetragen. Lediglich in den Sozial- und Geisteswissenschaften durfte er ein akzeptiertes Schattendasein führen.

Da verwundert es nicht, dass auch Frithjof Bergmann Marx missdeuten musste: „Ich habe Marx studiert und bin schon 1981 zu dem Schluß gekommen, daß der Sozialismus scheitern muß … Wir machen genau das Gegenteil von Marx. Wir stärken das Individuum.“ (Mitteldeutsche Zeitung, 1./2.5.97) Eine Stärkung des Individuums unter kapitalistischen Verhältnissen wäre für Marx niemals in Betracht gekommen. Seine Intention war eine radikale allseitige Emanzipation des Individuums unter Aufhebung aller unmenschlichen Verhältnisse durch Revolution.

[Einschub: Eine substanzielle, humanistische und libertäre Kritik am Marxschen Staats-, Revolutions- und Sozialismusverständnis haben die Theoretiker des Anarchismus bereits in der Ersten Internationale mit Bravour auf den Weg gebracht. Übrigens sei erwähnt, dass das NewWork Konzept auch ein Produkt dieser libertären Tradition ist.]

So wird verständlich, warum Onkel Marx in der NewWork Debatte so gut wie gar nicht zu Wort kommt. Aber interessanterweise wird in dem aktuell allseits gehypten Buch ‚New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt‘ von Hackl et al., in einer kurzen Passage und Anmerkung auf den Rauschebart Bezug genommen:

„Durch den Begriff Work-Life-Balance und die Diskussion darüber wird eines klar vor Augen geführt: Der Mensch hat sich in der Wahrnehmung seines Daseins von dem, was er als seine Arbeit definiert, entfernt. Man kann in diesem Fall sogar auf die Marx’sche Begrifflichkeit der entfremdeten Arbeit zurückgreifen. Denn obgleich dessen Schlussfolgerungen nicht mehr den Kern der heutigen Problematik treffen, so formuliert sein Konzept doch ein aktuelles Grundproblem: einen Mangel an Freiheit und die Suche nach einem immanenten Sinn von Arbeit.“ (Seite 7)

„Nach Auffassung von Marx produziert der Arbeiter in einem Lohnarbeitsverhältnis immer mehr Güter, die nicht ihm, sondern dem Kapitalisten gehören. Durch diese seine Tätigkeit verstärkt er das ihn ausbeutende System immer weiter. Dabei entfremdet sich der Arbeiter von seiner Arbeit, da sie keine freie, bewusste Tätigkeit mehr darstellt. Sie dient nur noch dazu, Bedürfnisse anderer zu befriedigen, anstatt die eigenen. Marx geht sogar noch weiter und beschreibt als unmittelbare Folge der Entfremdung von der Tätigkeit und vom Produkt die Entfremdung des Arbeiters vom menschlichen Wesen (und damit die Entfremdung des Menschen vom Menschen).“ (Anmerkung 20, Seite 7)

Laut Aussage von Hackl et al. trifft also der Begriff der entfremdeten Arbeit heute im Kern nicht mehr zu! Die Passage, die Anmerkung und die alleinige Erwähnung der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844 im Literaturverzeichnis, zeigt auch hier eine starke Verkürzung und Missdeutung des prozessualen und anthropologischen Charakters des Marxschen Arbeits- und Entfremdungsbegriffs. Eine umfassende und tiefergehende Analyse und Darstellung würde den Rahmen dieses Blogbeitrages selbstverständlich sprengen. Begnügen wir uns mit dem Wenigen, was uns die Autoren bezüglich Entfremdung mitgeteilt haben.

Beim erneuten Lesen der Anmerkung von Hackl et al. im Kontext der sogenannten Digitalisierung, drückt sich unweigerlich die Erkenntnis auf, dass der Themenkomplex der entfremdeten Arbeit eigentlich aktueller denn je ist. Die einschlägigen Studien und Umfragen der letzten Jahre bekräftigen diese Erkenntnis nämlich: „Steigerung der Arbeitsproduktivität im zweistelligen Bereich.“ „Jede/r Zweite berichtet etwa über das Gefühl des Ausgeliefertseins am Arbeitsplatz.“ „Mehr als die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten leidet unter Druck und Überlastung.“ Die Analysen und Klagen über diesen Wandel der Arbeitswelt sind inzwischen Legion und auch nicht mehr mit apologetischen Phrasen und Wohlfühlangeboten zu kaschieren.

Wird das Konzept von NewWork etwas daran ändern? Vielleicht, wenn sie eine ernsthafte Theorie über die Zukunft der Arbeit sein will, muss sie sich eben auch mit dem Marxschen Arbeits- und Entfremdungsbegriff auseinandersetzten und ihn nicht lapidar beiseiteschieben. Denn ob man es nun wahrhaben will oder nicht, Karlchen hat nicht nur zum Kern der heutigen Problematik etwas beizutragen, sondern auch zum aktuellen Grundproblem. Dass sich nämlich alles um die lebendige Arbeit und ihre Aneignung dreht. Denn menschliche Arbeit für andere, ist nun einmal auch immer entfremdete Arbeit. Happy Birthday alter Zweifler!

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört;… Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.“ (MEW, Bd. 25, S. 828)

„Wenn ich nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution“

„Es ist das Privileg, das Recht und auch die Pflicht jeder Generation zunächst einmal in Frage zu stellen, was die Alten gemacht haben. Mehr oder weniger. Und zu kritisieren und besser zu sein, gescheiter und vorlauter zu sein.“ Johann Hölzel aka Falco

„Die weibliche Emanzipation ist der allgemeine Maßstab für den allgemeinen emanzipatorischen Fortschritt einer geschichtlichen Epoche und Gesellschaft.“ (Frei nach Charles Fourier)

Meine Liebe,

erinnerst Du Dich an unser Gespräch? Du sagtest, Du seiest enttäuscht. Du wolltest etwas mit Menschen machen. Also etwas Gutes. Deswegen hast Du so zielstrebig und unnachgiebig auf eine Position im Personalbereich hingearbeitet. Hast dich selbst durchs Studium gepeitscht. Durch Prüfungen gegeißelt. Hast Praktika über Praktika absolviert. Persönliche Lebenszeit investiert. Doch heute kämpfst Du Kämpfe, die nicht die deinen sind. Ohne Rückendeckung. Du lebst und arbeitest am Rande Deiner Fähigkeiten und Kräfte. Alleingelassen. Du tust Dinge, von denen Du nicht willst, dass man davon erfährt. Aber Dein Gewissen lässt Dich nicht in Ruhe. Du fühlst Dich wie ein Sandwich, sagtest Du. Überall Zähne, die Dich zerkauen und verformen. Von oben. Von unten.

Ich hatte nur zugehört. Nicht viel gesagt. Doch das reichte Dir. Aber es hatte mich berührt. Und Du gingst mir nicht mehr aus dem Kopf. Dein Gesicht, Deine Worte, Deine Augen. Deine Geschichte. Wer eine Geschichte hat, hat auch eine Zukunft. So wie Du.

Wusstest Du, dass Revolutionen früher weiblich waren? Schau in die Geschichte. Es war der Zug der Frauen nach Versailles, der der Französischen Revolution ihren größten Sieg bescherte. Es waren die Petrograder Frauen der Februarrevolution, denen wir heute den Internationalen Frauentag am 8. März verdanken. Viele von den sozialen, individuellen und demokratischen Freiheitsrechten, die Du heute als selbstverständlich erachtest, sind das Ergebnis von Kämpfen. Erstritten und erkämpft von Frauen. Mit und ohne Namen. Oftmals ohne Gesichter. Und wir zehren von ihren Siegen. Frauen in der Vorreiterrolle. Als Speerspitze. Als die treibende Kraft. Theoretisch und praktisch. Sieh hin. Es ist wahr. Es gibt keine Revolution ohne Frauen. So wie es ohne Frauen kein Leben gibt.

Aber, was ist geschehen? Sieh Dir die angeblichen Revolutionen der letzten Jahre an. Sie haben fast alle ein männliches Gesicht. Woran mag das liegen? Ist es vielleicht, dass sie keine wirklichen Revolutionen sind? Heil versprechen, aber Unheil bringen? Ah, ja! Die dunkle Seite war noch nie Dein Ding. Deshalb fehlt vielleicht Dein Gesicht!?

Schau die führenden Köpfe des Personalwesens. Doppelt so viele Männer wie Frauen. Präsent sind aber nur die männlichen Köpfe. Oder wie viele Namen weiblicher Köpfe fallen Dir jetzt spontan ein? Hast Du schon mal was von einer Personalpäpstin gehört oder gelesen? Interessant oder? Du arbeitest in einem Berufszweig, der quantitativ von Frauen, aber qualitativ von Männern dominiert wird. Warum das so ist?

Du wirst Dich nicht erinnern. Es war lange, lange vor Deiner und auch vor meiner Zeit. Damals war auch das Personalwesen eine reine Männerdomäne. Frauen durften wie immer die schlechtbezahlten Zuarbeiten leisten. Allmählich änderte sich die Rolle und das Gesicht der Personalabteilungen. Sowie nach dem Ersten Weltkrieg, als die Sekretärinnen den klassischen Sekretär immer mehr verdrängten. Auch das Personalwesen wurde immer weiblicher. Diese Entwicklung hält bis heute an. Schau Dich um. Weiblich und jung sind überproportional in Deinem Berufsbild vertreten. Oder? Halte inne, und frage Dich warum ist das so?

Du wirst es nicht hören wollen. Doch Deine Ahnung täuscht Dich nicht. Arbeiten, ohne Wert, ohne Anerkennung, sind weiblich oder werden mit zunehmendem Verlust von Wert und Anerkennung weiblicher. Es war noch nie anders. Es ist immer dasselbe Muster. Schau Dir die sozialen Berufe an. Warum sind wohl Gleichberechtigung und Lohngleichheit immer noch ein gesellschaftliches Problem? Aber, wirst Du sagen, Personalangelegenheiten sind doch so wichtig für Unternehmen. Genauso wichtig wie die Pflege und Betreuung von Alten, Kranken und Kindern. Das Soziale hat keinen Wert. Jedenfalls keinen Ökonomischen. Und sozial ist auch Deine Tätigkeit. Denn das Soziale ist immer Menschlich.

Natürlich, auf den einschlägigen Veranstaltungen und Kongressen darfst Du von demokratischer Partizipation, menschengerechtem Arbeiten, Jobsharing und andere hippen Arbeitsmodellen schwärmen und träumen. Diese wasserpredigenden Weintrinker kennst Du nur allzu gut. Wie oft musstest Du ihnen schon den Becher halten. Deine eigene Unternehmensrealität sieht halt ganz anders aus.

Überall zunehmende Arbeitsverdichtung, Zeit- und Effizienzdruck. Prekäre Beschäftigung allerorten. Die Du auch noch managen sollst. Du selbst bist ja davon betroffen. War es nicht so, dass sie nach Ende Deiner Befristung insgeheim nach weiteren Befristungsmöglichkeiten suchten? Warum wohl? Den Makel einer eventuellen Schwangerschaft wirst Du nicht los. Gestehe es Dir ein, Deine jugendliche Weiblichkeit ist eigentlich Dein Makel. Schizophren, oder? Aber mit ambivalenten Situationen bist Du ja mehr als vertraut. Deine eigenen und die Interessenskonflikte um Dich herum, bestimmen ja Deinen beruflichen Alltag.

Du hast von Kind auf gelernt zu funktionieren. Dich im Hamsterrad zu bewegen, Dich anzupassen, um ja nicht herauszufallen. Aber auch der Bologna-Prozess konnte Dir das Soziale, Deine Menschlichkeit, Deine Individualität nicht austreiben. Es scheint resistent zu sein. Gegen alle Anstrengungen. Sie behaupten Du seiest die normopathische Generation. Doch das stimmt nicht. Das Gesicht der weltweiten Proteste und der humanitären Hilfsaktionen straft es Lügen. Es ist jung, so jung wie Deins.

Du bist das Kind chaotischer Zeiten. Du trägst das Chaos in Dir. Drum gebäre einen tanzenden Stern am Personalhorizont. Denn Leben gebären ist immer noch allein Dein Privileg. Einen Stern, der so stark leuchtet wie der Deiner Ahninnen. Von deren Licht wir heute noch zehren. Sie haben wahrhaft göttliches geleistet.

Du bist Hoffnung. Die Hoffnung auf ein gutes, ein besseres und menschenwürdigeres Arbeitsleben. Du bist dafür prädestiniert. Du ahnst und weißt, dass sich Profitabilität und Menschlichkeit, Fairness und Leistung nicht ausschließen. Dass eine andere Arbeitswelt möglich ist. Es ist Dein Recht und Deine Pflicht althergebrachte Wahrheiten in Frage zu stellen. Zu kritisieren. Neue Wege zugehen und auszuprobieren. Du bist privilegiert. Denn Du kennst sie alle, die Facetten des Funktionierens, der stummen Zwänge, der Humanität, der Individualität, der Erwartungen und Hoffnungen. Darum sei ruhig vorlaut, sei großmäulig. Sei frech. Sei mutig, denn Du bist viele. Sei kooperativ, organisiere und vernetze Dich. Weiche ab von den vorgegebenen Pfaden, denn die sind längst ausgetreten. Kontere Einwände mit Pfiffigkeit und Witz. Sei lebendig, nachsichtig und fürsorglich. Sei offen im Denken und standhaft in Deinen Wertvorstellungen.

Und denke daran, wir sind alle nur Riesen, die von Zwergen erzogen wurden. Und wir tragen einen geistigen Buckel mit uns rum. Wirf ihn ab. Richte Dich auf. Und tanze. Am Anfang wirst Du straucheln. Hinfallen. Aber das gehört dazu. Doch tanze. Bitte. Und bringe alle und auch alles um Dich herum zum Tanzen. Ich glaube an Dich. Darum glaube bitte auch Du an Dich selbst. Denn Du bist das Gesicht, denn Du bist die Zukunft des Personalwesens.