Marx 2037: Episode I #hackingreality

Morpheus: „…Ich will dir sagen, wieso du hier bist. Du bist hier, weil du etwas weißt, etwas, dass du nicht erklären kannst, aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der Dich verrückt macht. Dieses Gefühl hat Dich zu mir geführt. Weißt du wovon ich spreche?“
Neo: „Von der Matrix?“
Morpheus: „Möchtest du wissen, was genau Sie ist? Die Matrix ist allgegenwärtig, sie umgibt uns, selbst hier ist sie, in diesem Zimmer. Du siehst sie, wenn du aus dem Fenster guckst, oder den Fernseher anmachst. Du kannst sie spüren, wenn du zur Arbeit gehst. Oder in die Kirche, und wenn du deine Steuern zahlst. Es ist eine Scheinwelt, die man dir vorgaukelt, um Dich von der Wahrheit abzulenken.“
Neo: „Welche Wahrheit?“
Morpheus: „Das du ein Sklave bist, Neo. Du wurdest wie alle in die Sklaverei geboren, und lebst in einem Gefängnis, das du weder anfassen noch riechen kannst. Ein Gefängnis für deinen Verstand. Dummerweise ist es schwer jemandem zu erklären, was die Matrix ist. Jeder muss sie selbst erleben. [beugt sich zu ihm] Dies ist deine letzte Chance – danach gibt es kein Zurück. [öffnet seine Hand] Schluckst du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das was du glauben willst. [öffnet die andere Hand] Schluckst du die rote Kapsel, bleibst du im Wunderland, und ich führe Dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus. [Neo greift nach der roten Kapsel] Bedenke: Alles was ich dir anbiete ist die Wahrheit, nicht mehr. [Neo schluckt die rote Kapsel] Folge mir.“ (The Matrix)

„Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will. Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr Bewußtsein innewerden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt…“ (MEW, Bd. 1, S. 345 ff.)

Wolfgang Eßbach hat einmal in einer seiner Vorlesungen behauptet, dass es bei  Marx keinen naiven Anfang gibt. Denn vor der Beschäftigung mit Marx stehe die mehr als hundertfünfzigjährige Geschichte der marxistischen Traditionen, Strömungen und Interpretationen. So wie viele andere Denker_innen auch, wurde der Trierer Rauschebart dutzende Male für irrelevant, als widerlegt und für tot erklärt. Doch der tote Hund schafft es immer wieder aufzuerstehen und sich durch die bürgerliche Presse- und Verlagswelt zu beißen. Und das, trotz aller vergangener Marxismen und untergegangener staatskapitalistischer Gesellschaftsprojekte.

Der Begriff naiv geht auf das Französische zurück und bedeutet ursprünglich, natürlich, echt. Erst später wurde es zum Synonym für kindlich, unbefangen und arglos. Diese Merkmale sind typisch fürs Hacken.

Hacken bedeutet die spielerische Auseinandersetzung mit realen Systemen um ihnen auf den Grund zu gehen und über sie Macht auszuüben. Denn gewöhnlich üben Systeme selbst Zwänge und Macht aus. Durch das Hacken erhält man aber Einblick und Wissen über das Wesen, die Funktionsweisen und den Aufbau von Systemen, die üblicherweise verborgen und unzugänglich sind. Somit kann man Möglichkeiten ergründen wie Systeme zweckentfremdet werden können, beispielsweise um herauszufinden wie mit einer Kaffeemaschine Toast zubereitet werden kann. Also geht es beim Hacken eigentlich um das Umfunktionieren des Systemzwecks und somit um die Eliminierung von totalitären Systemnotwendigkeiten und Zwängen.

Laut Wau Holland – einer verstorbener Ikone der Hackerkultur, der Onkel Marx auch äußerlich nicht unähnlich sah – ist Hacken eine Form sozialer und politischer Gesellschaftskritik. Denn die Beschäftigung mit Technologien und Computern setzt voraus, dass man die gesellschaftliche Dimension mit berücksichtigt und sich auch mit ihr auseinandersetzt.

Interessanterweise treffen all diese Eigenschaften auch auf Karl Marx zu. Kann es vielleicht sein, dass er selbst ein Hacker, ein Realitätenhacker war? Hier der Versuch einer hacktivistischen Aneignung von Marx Mohr.

Aktuell erleben wir wieder ein Revival der Marxschen Gesellschaftskritik. Immer wenn das kapitalistische System seinen immanenten gesetzmäßigen Tendenzen folgt und entsprechende Emergenzen und Fraktale produziert, erlebt der Totgesagte seine Wiederauferstehung und wird für seine Weitsicht und Treffsicherheit gefeiert und darf am lebendigen Diskurs teilnehmen. Aber warum werden die ökonomischen Charaktermasken des Kapitals Marx‘ Gespenster nicht los? Denn sie rufen sie immerfort selbst, indem sie die Verhältnisse ihres Erscheinens mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses selbst produzieren. Ob Globalisierung, Finanzkrise, zunehmende soziale Ungleichheit, Marx hatte das meiste bereits exakt vorhergesagt. Wie er das geschafft hat, ohne Zeitmaschine und nächtlichem Besuch der Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Akkumulation? Weil er das Wesen, die Funktionsweisen und den Aufbau, sprich die Anatomie der „bürgerlichen Gesellschaft“ (ein Hegelbegriff), also das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft gehackt hat.

tbc

Über Aufrichtigkeit oder warum #NewWork eigentlich #NewLabor ist

„Die Arbeit kömmt nur unter der Gestalt der Erwerbstätigkeit in der Nationalökonomie vor.“ (MEW, Bd. 40, S. 477)

„Die englische Sprache hat den Vorzug, zwei verschiedne Worte für diese zwei verschiednen Aspekte der Arbeit zu haben. Die Arbeit, die Gebrauchswerte schafft und qualitativ bestimmt ist, heißt work, im Gegensatz zu labour; die Arbeit, die Wert schafft und nur quantitativ gemessen wird, heißt labour, im Gegensatz zu work.“ (MEW, Bd. 23, S. 61 ff.)

Dieses sechste Gedankenfragment über die sogenannte Neue Arbeit oder Arbeit 4.0 wird vorerst der letzte Beitrag zum Themenkomplex #NewWork sein. Ich komme hiermit Winfrieds Aufforderung nach, meinen Gedankengang zu den Begrifflichkeiten Work und Labour, nachträglich schriftlich (digital) zu fixieren und für mehr Aufrichtigkeit zu plädieren.

Wie Siegfried (Lautenbacher) und Alexander (Klier), bin auch ich ein „Begriffspedant“. Warum Begriffe so wichtig sind, können Interessierte in diesem Gedankenfragment nachlesen.

Auch in der aktuellen Blogparade #NewWork17 geht es notwendigerweise um Begriffsbesetzung, Begriffsbedeutung und -deutung, also um Aneignung und Deutungshoheit. Aber selbst der Urheber des #NewWork Konzeptes Frithjof Bergmann hat keinen Monopolanspruch auf den Begriff #NewWork. In ihrem Beitrag haben Siegfried und Alexander die Unzulänglichkeiten und Widersprüche Bergmanns gekonnt herausgestellt und zu einer notwendigen Emanzipierung von ihm aufgerufen.

Beim Themenkomplex Arbeit, handelt es sich nun einmal um ein sehr umfangreiches und komplexes Thema. Ein Thema welches eigentlich eine systemisch dialektische Beschäftigung verdient hätte. Dafür ist selbstverständlich in einer Blogparade und einigen Bücherveröffentlichungen nicht ausreichend Platz. Jedoch wäre eine aufrichtige und ernstgemeinte Diskussion schon einmal eine hilfreiche Inspiration. Interessierte können sich gerne Leseanregungen aus der Knowledge Base holen, die sukzessive upgedatet wird.

Aber in Zeiten von Twitter, Facebook und Co. fällt es schon schwer Blogbeiträge vollständig zu lesen, geschweige denn zu verstehen. Aber wie sagte mein Onkel immer: „Du warst der Einzige der mich verstanden hat, aber leider hast Du mich falsch verstanden.“

Im Deutschen kennen und benutzen wir meist das Wort Arbeit als Universalbegriff. Es bezeichnet einerseits eine produktive Tätigkeit, ein zweckgerichtetes Handeln, andererseits eine Aufgabe, eine Arbeitsstelle und einen Arbeitsplatz. Es steht aber auch für Ergebnis, Werk oder Produkt. Selbst Friedrich Engels konnte sich eine Kritik bezüglich dieses Verwendungswirrwarrs nicht verkneifen:

„Es konnte mir nicht in den Sinn kommen, in das „Kapital“ den landläufigen Jargon einzuführen, in Welchem deutsche Ökonomen sich auszudrücken pflegen, jenes Kauderwelsch, worin z.B. derjenige, der sich für bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben läßt, der Arbeitgeber heißt, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm für Lohn abgenommen wird. Auch im Französischen wird travail im gewöhnlichen Leben im Sinn von „Beschäftigung“ gebraucht. Mit Recht aber würden die Franzosen den Ökonomen für verrückt halten, der den Kapitalisten donneur de travail, und den Arbeiter receveur de travail nennen wollte. (MEW, Bd. 23, S. 34)

Doch scheint dem General entgangen zu sein, dass selbst das von ihm bewunderte Lockengenie das Wort Arbeitgeber im besagten Werk selbst an einer Stelle benutzt hat. Aber egal.

Etymologisch geht das Wort zurück auf das Germanische und bedeutet Mühsal, Plage, Leid. Es hat auch eine Verbindung zum Begriff verwaist, Waise. Also bedeutet der Begriff ein verwaistes Kind, dass aus Not zu harter Arbeit gezwungen ist. Diese Bedeutung sagt nicht nur etwas über die Gesellschaftsformation, in der der Begriff erzeugt und definiert wurde, sondern er trifft im Kern auch die heutige Problematik unserer Produktionsweise. Über das Altslawische „rabota“, welches Knechtschaft, Sklaverei bedeutet, wurde es dann zum Roboter. Und somit zum Verb „roboten“ wie Start-Upper abfällig die fremde Arbeit bezeichnen, die sie sich aneignen.

Das Pendant zum deutschen Arbeiten wäre im Englischen der Begriff Labour. Laut dem Oxford Dictionary kommt es aus dem Altfranzösischen und hat seinen Ursprung im Lateinischen. Damit wäre auch die eigentliche Bedeutung von Kollaboration geklärt. Nur mal so als Anmerkung für alle Collaboration Fans.

Im Gegensatz zum Deutschen gibt es im angelsächsischen Sprachraum noch das Wort Work/Working. Welches aus dem Mittelenglischen kommt und seinen Ursprung im Germanischen und im Indoeuropäischen hat. Es bedeutet wirken, werken, wirksam, wirkend. Auch der Begriff Wirklichkeit – die Begriffe Wirklichkeit und Bildung gibt es übrigens nur im Deutschen und beide sind von Meister Eckhart – geht darauf zurück. Werken bedeutet aber auch werden. Ob als Subjekt oder Objekt. Also ein dialektischer Prozess. Auch der Begriff der Würde geht etymologisch auf Werden zurück. Somit kann zusammenfassend gesagt werden:

  • Alle Begriffe, die auf den Wortstamm labour/lobar zurückgehen, haben etwas mit Zwang, Not, Leid, Knechtschaft, usw. zutun. Es handelt sich hierbei um die notwendige, sklavische Arbeit. Also um Lohn- und Erwerbsarbeit. Sie ist charakterisiert durch Erduldung, Entfremdung und Fremdbestimmung.
  • Alle Begriffe aus der Wortfamilie work/werk haben etwas mit Wirksamkeit, mit Werken, mit Werden und Würde zu tun. Es ist die anziehende Tätigkeit, das Hobby, bei dem Raum und Zeit vergessen wird. Sie ist charakterisiert durch Freiheit, Spiel und Selbstbestimmung.

Wobei handelt es sich also dann bei #NewWork? Wie bereits Onkel Marx im Anfangszitat festgestellt hat, meinen die Vordenker, Influencer, selbsternannten Propheten und Hofnarren des #NewWork mit Arbeit nichts Anderes als Labour/Labor. Mit ihren Begriffsverflüssigungen wollen sie nur verschleiern, dass sie aus den Arbeitnehmer_innen Unternehmenshobbyisten machen wollen. Aber sie vergessen, dass eine Verflüssigung der Begrifflichkeiten unweigerlich auch eine Verflüssigung des Denkens mit sich bringt.

Als Legitimationsgrundlage für das neue Geschäftsfeld #NewWork dienen neben den „Naturereignissen“ Digitalisierung, Industrie 4.0 und Automatisierung, der Neusprech von der human-/mitarbeiterzentrierten Unternehmensorganisation als ganzheitliche Transformation. Als wenn es wirklich um die Interessen der Arbeitenden gehen würde. Keine Frage, sollte als Abfallprodukt der aktuell gehypten Heilsversprechen, den arbeitenden Individuen mehr Freiraum, Selbstbestimmung und Autonomie ermöglicht werden, wäre dies zu begrüßen. Doch das wird nicht passieren, genauso wenig wie das Internet automatisch mehr Partizipation und Transparenz für die Bürger_innen gebracht hat. Ein Diskurs ohne Berücksichtigung der strukturellen Macht- und Herrschaftsstrukturen ist nichts Anderes als Ideologie.

Die Muster scheinen aber immer dieselben zu sein, sie sind so alt wie die gesellschaftlichen Interessenskonflikte selbst:

„Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen.“ (MEW, Bd. 3, S. 47)

Also braucht die ganze #NewWork Debatte nicht nur mehr Heiligen Zorn, konkrete utopische Forderungen, sondern zuallererst Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen, damit aus #NewWork nicht ganzheitliche Ausbeutung und Kontrolle 4.0 wird.

Dass Unternehmen Profit machen und arbeitende Individuen Geld verdienen müssen, ist Realität und Alltagsbewusstsein. Ebenso, dass daraus Konflikte entstehen. Die Lösungen hierfür liegen aber nicht in der Vernebelungs- und Verschleierungstaktik der Coaching- und Beratungsindustrie, sondern ganz woanders. Aber das ist Thema eines anderen Diskurses (#NewEconomy).

Deswegen mein Schlussappel: Lasst uns einfach aufrichtig sein und die Dinge beim Namen nennen. Oder glauben wir wirklich, dass die Betroffenen die ganze Marketingmaschinerie nicht durchschauen? Dann sind wir überheblicher, selbstgerechter und realitätsferner als die ganze Debatte vermuten und erahnen lässt. In diesem Sinne…

„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“ (Ingeborg Bachmann)