Kybernethik, jenseits der babylonischen Begriffskonfusion

Da ist es wieder. Dieses Gefühl, in wahrhaft wirren Zeiten zu leben. Es fängt schon damit an, dass wir nicht einmal wirklich wissen in welcher Epoche oder welchem Zeitalter und in was für einer Gesellschaft wir leben?

Leben wir nun im Informationszeitalter oder in dem des Computers? Im Spätkapitalismus oder beziehungsweise im Postfordismus? Noch Spätmoderne oder schon Postmoderne? Erleben wir die zweite, dritte oder vierte Industrielle Revolution? Oder doch vielmehr die Digitale oder gar die Mikroelektronische? Wissens-, Netzwerk- oder Dienstleistungsgesellschaft? Haben wir das Human Age oder wahrscheinlich doch eher das Human Edge, also Anthropozän? Wie war das noch mal mit Beschleunigung und Verflüssigung? Lauter wohlklingende und werbewirksame Worthülsen. Aber ebenso verwirrend.

Eine Gewissheit haben wir aber doch. Es gibt wohl kaum einen anderen Zeitabschnitt in der Menschheitsgeschichte, indem mit solcher Geschwindigkeit Müllberge von Buzzwörtern produziert wurden. Man kommt ja mit dem Bullshit-Bingo spielen kaum noch nach. Ganz neu im Marketing-Mumbo-Jumbo sind jetzt, Komplexität, agile Organisation, weniger Hierarchie, Sharing Economy, Industrie 4.0, New Work usw. usf. Ein Wunder, dass wir nicht an Begriffs-Burnout erkranken. Diese Begriffskonfusion nimmt langsam echt babylonische Ausmaße an. Dieses Sprachwirrwarr bringt nicht nur unsere Sprache durcheinander, sondern erzwungenermaßen auch unsere Gedanken.

Produktives Denken verlangt aber nach Ruhe, Muße und Ordnung, sowie alle Lebewesen nach Ordnung streben, um sich zu reproduzieren. Verwirrung, Unordnung und Desorientierung sind dabei kontraproduktiv. Insbesondere, wenn sie im Stakkato daherkommen.

Klare, konsistente und systematische Begriffe sind für unser Denken und Verstehen von elementarer Bedeutung. Wie elementar, wussten schon die Verfasser des Buches Genesis, die Adam den geschaffenen Kreaturen Namen geben ließen. Adam, der im wahrsten Sinne des Wortes Begreifende, erzeugte und bildete Begriffe um Zugriff auf die ihn umgebende Realität zu erhalten, und sich seiner eigenen Stellung im Kosmos bewusst zu werden. Wie bei einem heranwachsenden Kleinkind, dass peu à peu anfängt mit einfachen abstrakten Begriffen die Welt um sich herum und sich selbst zu erkunden, zu erkennen und zu verstehen. Begriffe sind nun mal Produkte der Sprache und formen die eigenen Realitätstunnel, sind damit auch gleichzeitig bewusstseins- und identitätsstiftend.

Neben der Begriffsbildung ist auch die Begriffsbesetzung von immenser Bedeutung. Das kann man am besten an politischen Macht- und Herrschaftsdiskursen sehen. Aus ihnen ist die Begriffsbesetzung nicht mehr wegzudenken. Heiner Geißler soll angeblich mal gesagt haben, wer die Begriffe besetzt, besetzt die Köpfe der Menschen. Die Aussage von Kurt Biedenkopf, dass statt der Gebäude der Regierung, die Begriffe besetzt werden, ist jedenfalls im Gegensatz zu Geißlers Aussage verifizierbar. Lewis Carroll hat schon im 19. Jahrhundert in seinem Werk Alice hinter den Spiegeln diese Erkenntnis literarisch verarbeitet.

„Aber ‚Ruhm‘ heißt doch nicht ‚schönes zwingendes Argument‘“, entgegnete Alice.

„Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“

„Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst“.

„Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles.“

Also handelt es sich bei der Begriffsdefinition vorrangig um die Macht der Deutungshoheit. Denn Begriffe können als Herrschafts- und Machtinstrument auch eingesetzt werden, um das Begreifen zu verhindern. Dies kann beispielsweise durch gezielte Manipulation und Propaganda geschehen, um bestimmte Verhältnisse zu legitimieren, zu verschleiern oder die Betroffenen zu täuschen. Alternativ können Begriffe glücklicherweise auch als Aufklärungsinstrument genutzt werden. Sie sind dann ein emanzipatorisches Mittel um bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse oder Selbsttäuschungen zu durchschauen, zu entschleiern und auszuhebeln. Kritische Erkenntnistheorie war schon immer auch Sprachkritik.

Der erste Schritt zur Begriffsdefinition und Bedeutung ist erst einmal sich mit der Etymologie zu beschäftigen. So kann in der Regel zuerst einmal die ursprüngliche Bedeutung wieder hergestellt werden. Überhistorische Begriffsbedeutungen sollten dabei vermieden werden. Sie greifen zu kurz und beschneiden unweigerlich unsere Erkenntnis. Deswegen muss der zweite Schritt sein, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen. Vergleichbar mit unserem Spracherwerb. Also vom einfachen zum komplexen. Dies bedeutet aber auch die Begriffe und ihre Bedeutungen in ihren historischen Entwicklungsprozessen nachzuvollziehen. Denn, nur wer ihre Vergangenheit kennt, kann ihre Gegenwart verstehen und damit ihre Zukunft gestalten.

Kommen wir mal zu dem Begriff Kybernethik. Was soll der eigentlich bedeuten? Was kann und soll man unter ihm verstehen? Ist er eventuell auch nur so ein Buzzwort aus dem Bullshit-Bingo? Oder ist es ein klarer und systematischer Begriff mit Substanz?

tbc

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