Der Rest ist Hobby oder über die Sinnlosigkeit der Sinnstiftung

„Du wirst geboren und du stirbst. Der Rest ist Hobby.“ Ein falsch verstandenes Zitat

Mark (Lambertz) hat den von Winfried (Felser) aufs Feld gerollten Ball bezüglich der Blogparade #NewWork17 aufgenommen und gekonnt in einen hervorragenden Beitrag mit utopischen Ausblick verwandelt. Ich nehme seinen Pass allzu gerne auf.

Es war das Jahr 1999 als in der Jungle World das Manifest gegen Arbeit von der wertkritischen Gruppe Krisis veröffentlicht wurde, das im linken Intellektuellen Milieu einen immensen Impact hatte und im Mainstream aber so gut wie überhaupt nicht beachtet wurde. Umso erstaunter war ich, als ich 2001 in dem Artikel Bündnis gegen Arbeit in der brand eins die Erwähnung des Manifests las. In diesem Zusammenhang war es auch das erste Mal, dass ich von dem Konzept Neue Arbeit (New Work) von Frithjof Bergmann hörte.

Frithjof Bergmann erkannte auch schon früh, was der Rauschebart aus Trier vorausgesagt hatte. Dass die technische Entwicklung der maschinellen Produktivkräfte (er nannte sie tote Arbeit) kontinuierlich die lebendige Arbeit (das menschliche Arbeitsvermögen) ablösen wird. Warum? Weil die Unternehmer getrieben von der allseitigen Konkurrenz der kapitalistischen Produktionsweise dazu quasi gezwungen werden. Also Systemzwang. Automatisierung oder Untergang.

Dass diese Entwicklung wie ein ehernes Gesetz wirkt, lesen wir nicht nur jeden Tag in den Seiten des Feuilletons, sondern seit geraumer Zeit auch endlich im Wirtschaftsteil.

Bereits 2011 hatten Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem in Deutschland viel zu wenig beachteten Werk Race Against The Machine, die Auswirkungen der Digitalisierung anhand von Statistiken und Daten auf die lebendige Arbeit in den USA beschrieben und das obige eherne Gesetz wissenschaftlich nachgewiesen.

Bergmanns Intention war und ist es die uralte visionäre Utopie einer Gesellschaft, die jedem Individuum ein gutes Leben ermöglicht, sukzessive wahr werden zu lassen. Was zeichnet ein gutes Leben aus? Ein Leben in Selbstbestimmung, Selbstentfaltung, Selbstentwicklung und Selbstverwirklichung. Jenseits von Notwendigkeiten, Fremdbestimmungen und Abhängigkeiten. Ein Leben im Hobby (Travail Attractif). Im Gegensatz zu den meisten Utopisten, sieht er bereits eine mögliche Teilverwirklichung im Hier und Jetzt, da die materiellen Möglichkeiten und Bedingungen hierfür gegeben sind. Und nicht erst in einer postkapitalistischen ominösen Zukunft. Davon hat das jetzige Individuum rein gar nichts.

Natürlich wurde sein Konzept und Projekt sofort von der Verwertungsmaschinerie aufgegriffen und zweckentfremdet. Wie so viele andere emanzipatorische Konzepte auch. Alles was der Verwertungslogik dient wird sich angeeignet und verwertet. Als der New Work Award von Xing an den Start ging, war klar in welche Richtung das gehen würde und musste.

Was ist Arbeit, was ist Hobby? Leider wurde bis dato weder in der HR Community, noch in den jeweiligen geisteswissenschaftlichen Disziplinen ein substantieller und zeitgemäßer Arbeitsbegriff kreiert. Deswegen ein kurzer, wirklicher kurzer Entwurf über die beiden Begriffe aus kybernethischer Perspektive.

Alle lebendigen Organismen müssen und wollen sich in doppelter Hinsicht reproduzieren. Weil es aber keine selbstgenügsamen Organismen gibt, müssen alle Organismen mit Anderen notwendigerweise in Beziehung treten, um Energie aufzunehmen. Das menschliche Individuum als Organismus muss dies auch tun. Es tut dies indem es mit seiner Umwelt in einen prozessualen Stoffwechsel tritt. Dieser Stoffwechselprozess ist die notwendige Arbeit. Diese Arbeit hat eine bestimmte gesellschaftliche Form, denn das Individuum produziert immer als Teil einer Gemeinschaft oder Gesellschaft. Die aktuelle Form dieser notwendigen Arbeit zur Existenzerhaltung und Sicherung ist die Lohnarbeit. Deswegen redet man auch von abhängig Beschäftigten. Ihre Arbeit ist nicht nur fremdbestimmt, sondern auch in vielfacher Weise ihnen selbst entfremdet. Interessanterweise sucht man in allen Employement Diskursen den Begriff der Entfremdung vergeblich.

Hobby hingegen ist die attraktive (anziehende) Arbeit, weil sie einerseits nicht notwendig ist, nicht fremdbestimmt, sondern selbstbestimmt und gewollt. Synonyme für diese Form von Arbeit sind die freien Tätigkeiten von Nerds, Hackern und Hobbyisten. Sie gehen in ihrer Arbeit auf und vergessen die Zeit dabei. Sie sind mit Leidenschaft bei der Sache und tun es aus eigenem Antrieb, bis das individuelle Ziel erreicht ist.

Alle neuen marketingtechnischen Ansätze (Sinnstiftungsmaßnahmen, Hierarchieabbau- und Demokratisierungstendenzen, etc.) haben nur ein Ziel:

Das entfremdete und abhängig beschäftigte Individuum durch Social Engineering Maßnahmen zum Unternehmenshobbyisten zu transformieren. Symptonbehandlung bei gleichzeitiger Ursachenverdrängung. Aus notwendiger Arbeit, soll nämlich Travail Attractif werden.

Dass das nicht funktionieren wird, hat Lars (Vollmer) schon 2014 in seinem Beitrag klar auf den Punkt gebracht. Arbeitende sind weder triviale, noch nicht triviale Maschinen. Sie sind überhaupt keine Maschinen. Sie sind Individuen. Komplexe Lebewesen. Nicht mehr und nicht weniger. Solange man dies nicht berücksichtigt, führen alle banalen Optimierungsversuche zwangsläufig ins Leere.

Und weil wir in einer Gesellschaft leben, in der alles der Verwertungslogik des Geldfetisches unterworfen ist, sind all diese Social Engineering Anstrengungen selbst zu einem Erwerbszweig geworden. Das erklärt auch die inflationäre Produktion von Bullshit-Bingo am Markt. Aufmerksamkeit durch Buzzwörter erheischen, um die eigenen unausgereiften Ideen zu Geld zu machen.

Neuestes Highlight ist die Sinnstiftung. Wenn Unternehmen Sinn stiften, dann sind die Arbeitsvermögensbesitzer motivierter und identifizieren sich mehr mit ihrer Arbeit und dem Unternehmen. Und der Zweck von Unternehmen sei Profit zu erwirtschaften. Echt? Wow, was für eine Erkenntnis. Doch der Sinn muss ein anderer sein. Aha. Sinn und Zweck werden einfach mal willkürlich getrennt und neu besetzt. Moment mal. Hatten wir das nicht schon mal? Stimmt, war ja bei New Work auch nicht anders. Einfach mal den ursprünglichen Inhalt des Begriffes entleeren und neu definieren. Mit dem richtigen Sinn, erträgt man bestimmt die Zumutungen der agenturseitigen Lohnaufstockung viel besser. Zum Glück ist die Wirklichkeit resistent gegen menschliche Phrasendrescherei. Vielleicht erst einmal die Begriffe von Sinn und Zweck verstehen, bevor man mit ihnen wild um sich schmeißt. Es hat einen Grund, warum sie synonym verwendet werden. Wer sich erinnern mag. Die Generation vor uns brauchte all diesen Bullshit nicht, um aus tiefstem Herzen unbewusst zu sagen, „meine Firma“. Warum das so war, das sollte vielleicht einmal Gegenstand der Diskussion sein. Da waren Unternehmen noch klassisch und hierarchisch organisiert, mit archaischen Chefs, usw. Und die Arbeitenden waren, loyaler, motivierter und produktiver. Vielleicht finden wir da einige Anregungen? Der Beitrag von Hendrik (Epe) geht da schon in die richtige Richtung.

Täglich hören und lesen wir, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Kommen aber nicht auf die Idee, dass dies ja nichts Anderes ist, als die Wiederspiegelung unserer Unternehmenswirklichkeit.

Hier sind die Individuen als Selbstständige, Scheinselbstständige, Werkvertragsarbeitnehmer, Leiharbeitnehmer, Minijobber und als Befristete beschäftigt. Also fängt die Klassengesellschaft schon im Betrieb an. Oh Gott, er hat das böse Wort gesagt. Interessanterweise gehören in den anglo-amerikanischen Diskursen die Begriffe Klasse und Kapitalismus zum Standardvokabular. Nur bei uns in Deutschland erinnern mich die Reaktionen bei diesen Begriffen an die Steinigungsszene aus das Leben des Brian. Blasphemie!

Aber verbringen wir weiter unsere Zeit mit Bullshit-Bingo und Selbsttäuschung. Das eherne Gesetz wirkt weiter, auch wenn wir die Augen davor verschließen.

Die Unternehmen und ihr Wirken geschieht nicht im luftleeren Raum. Sie sind Systemelement und Subsystem des gesamtgesellschaftlichen Systems. Von New Work Konzepten zu schwadronieren und zu hoffen, dass die Wirklichkeit an einem vorübergeht, ist ehrlich gesagt nicht wirklich Managementlike.

Wer Dinge ändern will, muss sie erst einmal Begreifen, um sie zu verstehen. Dafür brauchen wir aber die richtigen Begriffe, vielleicht auch die dazu notwendigen Tools. Nur, wenn wir die Dinge, Tatsachen und Probleme beim Namen nennen und den Dingen radikal auf den Grund gehen, dann können wir sie in Managementmanier angehen, wirksame Möglichkeiten entwickeln und greifbare Ergebnisse erzielen. Um dies zu verwirklichen bedarf es aber der Einsicht und eines wirklichen Willens, vor allem der Entscheider auf Unternehmensseite. Vergessen wir nicht, die Wirklichkeit wirkt ohne auf unsere Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Gestern, heute und morgen auch.

Geboren sind wir schon. Sterben werden wir auch. Machen wir die Suche nach einer wirklichen New Economy und dem damit verbundenen New Work zu unserem gemeinsamen Hobby. Dann klappt es auch mit den Utopien.

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