Paradoxien der Digitalisierung im Land der ehemaligen Dichter und Denker

Seit der Veröffentlichung der Zahlen über die Pendlerquote durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Anfang April 2017, wurden die Ergebnisse interessanterweise im virtuellen Digitalisierungsdiskurs so gut wie gar nicht beachtet. Warum eigentlich nicht? Oder sieht niemand das Paradoxe dabei?

Etwa 60 % aller Arbeitnehmer_innen pendeln zur ihren Arbeitsplätzen. Ein neuer Rekord. Aber in der Filter Bubble des sogenannten Digitalisierungsdiskurses wird wie gewöhnlich jede störende Information [um die Wichtigkeit von Störungen für die Lebensfähigkeit von Organismen, wissen wohl leider nur Kybernet(h)iker und Anhänger des Viable System Models] verdrängt, die unseren Realitätstunnel erhellen könnten. Vielleicht ist es noch nicht wirklich in den Köpfen der Management- und Organisationsberater, Quer- und Vordenker angekommen, wenn man seine eigene Filter Bubble nicht hinterfragt und ab und zu auftaucht, ist das intellektuelle Ertrinken in der eigenen Filterblase quasi Schicksal. Und das Gehirn bekommt leider auch nicht genug Sauerstoff und hinterlässt bleibende Schäden. Wie der ganze Neuprech zeigt.

Aber zurück zum Thema. Warum hat die Pendlerzahl so stark zugenommen? Weil es zu einem Privileg geworden ist dort zu wohnen, wo man arbeitet. Beispielhaft sind hierfür die Städte mit der höchsten Pendlerquote, wie München, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart. Also jene Städte in denen Wohnen mit am teuersten ist.

Laut Filter Bubble Realität hätte diese paradoxe Entwicklung gar nicht passieren können und dürfen. Sondern im Gegenteil, die Pendlerquote hätte sogar abnehmen müssen. Wie war das noch mal? Die Digitalisierung macht Arbeiten ortsunabhängig und flexibel, Anwesenheitspflicht und Büros gehören der Vergangenheit an, Menschen sind eh am kreativsten dort wo sie sich wohlfühlen, es kommt auf die Ergebnisse an und nicht auf die Arbeitszeit, usw. Wie kommt es an dann zu solch einer Entwicklung, die alle Prognosen und Heilsversprechen des NewWork wirksam konterkariert?

Weil leider immer noch nicht verstanden wurde, was eigentlich Komplexität und Systemisch bedeuten. Die beiden Begriffe werden gerne in jedem zweiten Satz inflationär missbraucht, um die eigenen kurzsichtigen Prognosen zu vernebeln. Noch einmal für Alle in einem einfach verständlichen Satz:

Systemische Komplexität bedeutet alle möglichen Wechsel-, Wirkungs- Handlungs-, Kommunikationsbeziehungen und Zusammenhänge in ihrer rückgekoppelt dynamischen Ganzheit zu sehen und zu denken.

Der reduktionistische Ansatz nur einen werbewirksamen Teilaspekt einer eventuellen Möglichkeit zu hypen und dann noch nicht einmal verwundert festzustellen, dass die Wirklichkeit sich anders entwickelt, bezeugt, dass die psychologischen Mechanismen von Widerstand, Verdrängung und Übertragung immer noch wirksam sind.

Die sogenannte Digitalisierung muss und kann nur mit einem wirklich systemisch komplexen Blick erfasst und behandelt werden. Sprich, wissenschaftlich im Sinne von Wissen schaffen. Dazu gehört aber sich für disruptive Informationen zu öffnen.

Heim-/Telearbeit, sind übrigens die Begriffe für diese Form von Arbeit. Die Telearbeit gibt es schon seit Anfang der 1980er Jahre, also ist keine Erfindung der sog. Digitalisierung. Warum diese aber immer noch nicht trotz aller technologischen Möglichkeiten zunimmt und zum Normallfall wird, hat nichts damit zu tun, dass es ja erst zukünftig Thema sein wird. Seit 40 Jahren reden wir von Zukunft. Wann ist sie denn nun endlich da?

Das Thema muss im Kontext von Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und allen anderen Umwelten inklusive historisch spezifischer Aspekte analysiert und behandelt werden. Ebenso ihre Vor- und Nachteile sowie Auswirkungen auf alle Systemelemente. Dasselbe gilt für das Pendeln.

Die Ergebnisse des BBSR lassen aber einige Tatsachen deutlich zutage treten. Der Hype vom mobilen Arbeiten ist ein Mythos und eine Utopie, die in Wirklichkeit das Privileg von einigen Wenigen ist. Sie zeigt, dass der Mindset der Unternehmensentscheider immer noch in alten Mustern verhaftet ist. Das Gerede von Freiheit, Verantwortung und selbstbestimmten Arbeiten ist nichts Anderes als Marketing-Mambo-Jambo. Die Anwesenheitspflicht gehört immer noch zum Arbeitsalltag der Mehrzahl der Arbeitnehmer_innen. Warum wohl? Die Antwort führt wieder höchstwahrscheinlich zur Schnappatmung. Deswegen lasse ich sie heute mal außen vor. Zuviel Licht und Sauerstoff auf einmal sind auch nicht gesund.

Diese Entwicklung zeigt uns mal wieder deutlich, dass die Kundenwünsche trotz aller validen Informationen ignoriert werden. Von wegen Mitarbeiter_innen sind Kunden! Die Wünsche dieses spezifischen Kunden werden stets konsequent ignoriert und verdrängt. Dass wird noch Inhalt eines anderen Posts sein.

Jede/r Dritte würde gerne von zu Hause arbeiten, aber nur jede/r Zehnte tut es. Dass es auch anders geht zeigen die Beispiele aus Skandinavien (Anteil von 28 %), den Niederlanden (Rechtsanspruch auf einen Tag Home-Office pro Woche) oder die neue Zentrale von Microsoft in München.

Seit wir aber nicht mehr Dichter und Denker ausbilden, sondern Absolventen des Bologna-Prozesses produzieren, bleiben halt Tiefgang, Kreativität und Rückgrat auf der Strecke. Nicht nur im intellektuellen Diskurs, sondern auch in den Unternehmen. Und das ist mit eins der wesentlichen Probleme, dass die Zukunfts- und Lebensfähigkeit der Unternehmen bedroht.

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