Über Onkel Marx zum Hundertneunundneunzigsten im Kontext von NewWork

„An allem ist zu zweifeln“ (Karl Marx)

Onkel Marx wurde am 05. Mai 1818 in Trier geboren und feiert heute seinen hundertneunundneunzigsten Geburtstag. Seit der Finanzkrise 2007 scheint er wieder en vogue zu sein. Selbst der Vulgärökonom Hans-Werner Sinn hat angefangen ihn für einen der bedeutendsten Makroökonomen der Geschichte zuhalten und meint mit dem Marxschen Werk die kapitalistischen Wirtschaftskrisen erklären zu können.

Allerorten werden wieder die Marx-Lesekreise initiiert. In der Tradition der alten Bibellesekreise wird mit scholastischem Eifer das Kapital rezipiert. Über diesen Kapital-Lesekreisen schwebt der Geist der sogenannten Neuen Marx-Lektüre. Sprich der Mohr wird von allen Seiten einvernehmlich als kritischer Wert- und Krisentheoretiker interpretiert und dargestellt. Aber solch eine unzureichende Leseart verkürzt und behindert einen wissenschaftlichen Zugang zum Marxschen Werk.

Bereits 1933 erklärte Karl Dunkmann in seinem leider in Vergessenheit geratenen Buch ‚Soziologie der Arbeit‘ (welches ich allen nur empfehlen kann, die sich mit dem Themenkomplex Arbeit beschäftigen wollen) auf Seite 73 folgendes fest:

„Will man also die Theorie des „Marxismus“ voll und ganz begreifen, so hat man nicht von diesem Begriffe des Wertes aus das Ganze zu durchleuchten,… sondern man hat vom Begriffe der Arbeit auszugehen und diesen in allen Konsequenzen zu verfolgen. Marx schuf in seinem „Kapital“ das erste wirtschaftssoziologische Grundwerk von der menschlichen Arbeit, ihrer Bedeutung und ihrem Schicksal. Er legte es als rein theoretisches, streng wissenschaftliches Werk vor, und nur als solches kann es verstanden und geprüft werden.“

Marx verstand nämlich die menschliche Arbeit als dialektisch ontologisches Prinzip des Menschseins und Menschwerdens:

„Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“ (MEW, Bd. 3, S. 21)

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur.“ (MEW, Bd. 23, S. 192)

Dieser wissenschaftliche und Marxoriginäre Ansatz ist leider in Vergessenheit geraten. Dafür haben natürlich die unglücklichen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts gesorgt, sowie für seine damit zusammenhängende Verbannung aus den Wirtschaftswissenschaften und der Anthropologie. Aber auch die in Deutschland vorherrschende Marxrezeption der Neuen Marx-Lektüre hat ihr Übriges dazu beigetragen. Lediglich in den Sozial- und Geisteswissenschaften durfte er ein akzeptiertes Schattendasein führen.

Da verwundert es nicht, dass auch Frithjof Bergmann Marx missdeuten musste: „Ich habe Marx studiert und bin schon 1981 zu dem Schluß gekommen, daß der Sozialismus scheitern muß … Wir machen genau das Gegenteil von Marx. Wir stärken das Individuum.“ (Mitteldeutsche Zeitung, 1./2.5.97) Eine Stärkung des Individuums unter kapitalistischen Verhältnissen wäre für Marx niemals in Betracht gekommen. Seine Intention war eine radikale allseitige Emanzipation des Individuums unter Aufhebung aller unmenschlichen Verhältnisse durch Revolution.

[Einschub: Eine substanzielle, humanistische und libertäre Kritik am Marxschen Staats-, Revolutions- und Sozialismusverständnis haben die Theoretiker des Anarchismus bereits in der Ersten Internationale mit Bravour auf den Weg gebracht. Übrigens sei erwähnt, dass das NewWork Konzept auch ein Produkt dieser libertären Tradition ist.]

So wird verständlich, warum Onkel Marx in der NewWork Debatte so gut wie gar nicht zu Wort kommt. Aber interessanterweise wird in dem aktuell allseits gehypten Buch ‚New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt‘ von Hackl et al., in einer kurzen Passage und Anmerkung auf den Rauschebart Bezug genommen:

„Durch den Begriff Work-Life-Balance und die Diskussion darüber wird eines klar vor Augen geführt: Der Mensch hat sich in der Wahrnehmung seines Daseins von dem, was er als seine Arbeit definiert, entfernt. Man kann in diesem Fall sogar auf die Marx’sche Begrifflichkeit der entfremdeten Arbeit zurückgreifen. Denn obgleich dessen Schlussfolgerungen nicht mehr den Kern der heutigen Problematik treffen, so formuliert sein Konzept doch ein aktuelles Grundproblem: einen Mangel an Freiheit und die Suche nach einem immanenten Sinn von Arbeit.“ (Seite 7)

„Nach Auffassung von Marx produziert der Arbeiter in einem Lohnarbeitsverhältnis immer mehr Güter, die nicht ihm, sondern dem Kapitalisten gehören. Durch diese seine Tätigkeit verstärkt er das ihn ausbeutende System immer weiter. Dabei entfremdet sich der Arbeiter von seiner Arbeit, da sie keine freie, bewusste Tätigkeit mehr darstellt. Sie dient nur noch dazu, Bedürfnisse anderer zu befriedigen, anstatt die eigenen. Marx geht sogar noch weiter und beschreibt als unmittelbare Folge der Entfremdung von der Tätigkeit und vom Produkt die Entfremdung des Arbeiters vom menschlichen Wesen (und damit die Entfremdung des Menschen vom Menschen).“ (Anmerkung 20, Seite 7)

Laut Aussage von Hackl et al. trifft also der Begriff der entfremdeten Arbeit heute im Kern nicht mehr zu! Die Passage, die Anmerkung und die alleinige Erwähnung der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844 im Literaturverzeichnis, zeigt auch hier eine starke Verkürzung und Missdeutung des prozessualen und anthropologischen Charakters des Marxschen Arbeits- und Entfremdungsbegriffs. Eine umfassende und tiefergehende Analyse und Darstellung würde den Rahmen dieses Blogbeitrages selbstverständlich sprengen. Begnügen wir uns mit dem Wenigen, was uns die Autoren bezüglich Entfremdung mitgeteilt haben.

Beim erneuten Lesen der Anmerkung von Hackl et al. im Kontext der sogenannten Digitalisierung, drückt sich unweigerlich die Erkenntnis auf, dass der Themenkomplex der entfremdeten Arbeit eigentlich aktueller denn je ist. Die einschlägigen Studien und Umfragen der letzten Jahre bekräftigen diese Erkenntnis nämlich: „Steigerung der Arbeitsproduktivität im zweistelligen Bereich.“ „Jede/r Zweite berichtet etwa über das Gefühl des Ausgeliefertseins am Arbeitsplatz.“ „Mehr als die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten leidet unter Druck und Überlastung.“ Die Analysen und Klagen über diesen Wandel der Arbeitswelt sind inzwischen Legion und auch nicht mehr mit apologetischen Phrasen und Wohlfühlangeboten zu kaschieren.

Wird das Konzept von NewWork etwas daran ändern? Vielleicht, wenn sie eine ernsthafte Theorie über die Zukunft der Arbeit sein will, muss sie sich eben auch mit dem Marxschen Arbeits- und Entfremdungsbegriff auseinandersetzten und ihn nicht lapidar beiseiteschieben. Denn ob man es nun wahrhaben will oder nicht, Karlchen hat nicht nur zum Kern der heutigen Problematik etwas beizutragen, sondern auch zum aktuellen Grundproblem. Dass sich nämlich alles um die lebendige Arbeit und ihre Aneignung dreht. Denn menschliche Arbeit für andere, ist nun einmal auch immer entfremdete Arbeit. Happy Birthday alter Zweifler!

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört;… Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.“ (MEW, Bd. 25, S. 828)

3 thoughts on “Über Onkel Marx zum Hundertneunundneunzigsten im Kontext von NewWork

  1. Hi Cemo

    schöne Reflexion, danke. Allein: Nur weil ich mein eigener Herr bin in der Arbeit, weil mir die Produktionsmittel gehören, weil ich – zunehmend wieder aktuell – meine eigenen Lebensmittel anbaue, heißt das noch längst nicht, dass ich nicht von mir entfremdet sein könnte.

    Ich kenne genügend Menschen, die ihr eigener Boss sind und trotzdem nicht bei sich selbst sind.

    Umgekehrt gibt es menschen, denen ihre Arbeit Freude bereitet, selbst dann, wenn sie (auch) für andere vollzogen wird.

    Die Tendenz unterschreibe ich voll und ganz. Ihre Verabsolutierung mitnichten.

    1. Hallo Andreas,

      Entfremdung hat viele Facetten und Sphären. Die ökonomische Entfremdung ist eine davon.

      Eine Tendenz zur Verabsolutierung kann ich leider nicht erkennen?

      Virtuelle Grüße

  2. Hallo Cemo,
    hier fehlt Deine Unterscheidung New Work und New Labour. Die bringt es auf den Punkt. Und spannend, dass Hackl et al. Marx zitieren. Eigentlich schränken sie zu die Schlussfolgerungen ein, nicht aber den Begriff der Entfremdung. Das ist doch spannend: Marx wird da wieder entdeckt, wo man es nicht erwartet. Das man sich etwas von den Schlussfolgerungen abgrenzen muss, ist doch klar 😉 Insofern: New Labour fände ich wichtig und noch mal Reflexion, ob nicht sogar Marx – als Wissenschaftler – relevant für Nicht-Marxisten.
    Beste Grüße
    Winfried

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.