Über das notwendig falsche Bewusstsein des #DigiTreff

Am 18.05.2017 hatte Inga (Ketels) von der Scopevisio AG zum Digitalisierungstreff #2 mit dem Thema Neues Arbeiten (NewWork) eingeladen.

Der Hype um NewWork geht einher mit der sogenannten Digitalisierung, Industrie 4.0. und VUCA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität) Debatte. Ob es sich bei NewWork um Arbeiten 4.0 handelt scheint noch nicht festzustehen. Doch, dass da etwas Neues kommt und etwas Neues gebraucht wird, scheint allseits gesichert.

Interessanterweise kristallisiert sich bezüglich des NewWork Diskurses in den meisten Beiträgen (ob nun auf dem gestrigen Podium oder im Netz) ein aufgewärmtes Narrativ heraus, welches im Cyberspace und im Feuilleton schon vor über zehn Jahren diskutiert wurde. Anhand der fehlenden Anknüpfung an diese alten Diskussionen kann man bereits erkennen wie fernab der originär digitalen Kultur der aktuelle Diskurs geführt wird. Und das im sogenannten Digitalen Zeitalter!

Im Jahr 2006 erschien das Buch ‚Wir nennen es Arbeit – Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung‘ von Sascha Lobo und Holm Friebe.

Bereits damals warben diese beiden angehenden Digiratis in bester Hipster-Manier für ein selbstbestimmtes und freies Arbeiten jenseits von Sozialversicherung und Festanstellung. Dank Internet und Laptop konnte die neue Klasse der digitalen Bohème von überall aus flexibel und unabhängig arbeiten. Anstatt über unsichere Arbeitsverhältnisse und abhängige Beschäftigung zu klagen sollte jeder sein unternehmerisches Selbst fördern und fordern. Es war die Zeit der Ich-AGs und die Anfänge der unternehmerischen und digitalen Selbstoptimierung. Und wer klagte war selber schuld und hatte das falsche Mindset. Arbeitszeit und Lebenszeit verschmolzen zusehends. Die Subjektivierung und Entgrenzung der alten New Economy war wieder en vogue. Es war das alte klassisch neoliberale Credo verpackt im Hipster-Jargon.

Die Zeit der Erscheinung irritiert nicht, denn es war die Zeit von Web 2.0 und der Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz I-IV). Selbst im Linksintellektuellen Milieu wurde das Paradigma der Immateriellen Arbeit und der Multitude diskutiert.

Wie gesagt alles schon mal dagewesen. Aber wie schrieb Marx in ‚Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte‘: Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

Ob es sich bei den beiden Diskursen um weltgeschichtliche Umwälzungen handelt, sei mal dahingestellt. Laut den selbsternannten „Influencer“ handelt es sich definitiv um solche. Die Tragödie ist Vergangenheit. Sascha Lobo preist nicht mehr in Hipster-Manier das Arbeiten und Leben der Digitalen Bohème, sondern spricht in klassenkämpferischen Ton von „Dumping-Hölle“ und „Plattform-Kapitalismus“. Die Soziologie hat den Begriff des Arbeitskraftunternehmers kreiert. Die Ich-AG ist Geschichte und die Existenzgründerzuschüsse der Agentur für Arbeit haben sich erledigt, da die Vermittlung in Festanstellung Vorrang hat. Und die meisten Soloselbstständigen fristen ein Dasein im Click- und Crowdworking.

Angesichts solch einer Entwicklung, trifft das Wort Farce auf das aktuell aufgewärmte NewWork Neusprech nahezu perfekt.

Aber warum ist das so? Wieso kreist das Narrativ des NewWork wiederum um dieselben Kategorien, wie Arbeit, Führung, Transparenz, Kollaboration, Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Flexibilität, Hierarchie, Selbstschuld, Mindset, usw. usf.? Wohin solche Verheißungen und Heilsversprechen unter kapitalistischen Macht- und Herrschaftsstrukturen führen, haben wir doch gesehen! Wollen wir nicht dazu lernen? Woran das liegt? Die kognitive Dissonanz lässt grüßen.

Es liegt am notwendig falschen Bewusstsein aller Beteiligten. Was das ist? Laut kritischer Theorie ist es das, was man Ideologie nennt. Im Netzjargon Filter Bubble und in der Netzkultur Realitätstunnel.

Es ist die Perspektive wie wir uns Selbst und unsere Umwelt sehen. Sprich es ist unser Bewusstsein. Auch, wenn wir glauben es sei von uns persönlich und frei gewählt, so ist es laut dem radikalen Konstruktivismus eine soziale Konstruktion oder wie Marx meinte, dass Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, also unser bewusstes Sein. Immer noch nicht verständlich?

Einfaches Beispiel: Unsere Sinne und unser Alltagsverstand, sprich unser Alltagsbewusstsein, lässt uns glauben, dass die Sonne morgens aufgeht und abends unter. Das haben die Menschen Jahrtausende lang geglaubt, da alle Informationen, die unser Bewusstsein formten, dies beinhalteten.

Erst als eine alternative, disruptive Information unser Bewusstsein streifte und unseren Realitätstunnel erschütterte, führte dies zur ersten Kränkung der Menschheit. Der sogenannten kosmologischen Kränkung. Das geozentrische Weltbild war passé. Doch die Herrschenden reagierten mit bekannten psychologischen Prozessen von Widerstand, Verdrängung und Übertragung.

Selbst heute noch, ist unser Sprachschatz von dieser Jahrtausende alten Erfahrung geprägt. Da die Sonne nun einmal jeden Morgen über dem Horizont aufgeht.

Deswegen fällt es auch so schwer das Thema NewWok jenseits von Erwerbsarbeit und Kapital zu diskutieren. Dieses notwendig falsche Bewusstsein behindert einen wirklichen Zugang zum originären NewWork Konzept. Denn Frithjof Bergmann war und ist halt sehr open minded. Und es ist der Grund dafür, warum verzweifelt versucht wird die Ergebnisse des Gallup Engagement Index‘ klein zu reden und die Ergebnisse des DGB-Index‘ Gute Arbeit zu ignorieren.

Und es ist vor allem dafür verantwortlich, warum wir uns eine Star Trek Zukunft wünschen, sie aber für unerreichbar halten. Denn es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Ja, die „Influencer“ des NewWork haben recht. Es ist eine Frage des Mindsets. Aber es ist leider ihr notwendig falscher Mindset, der konkrete Utopien unerreichbar erscheinen lässt. Denn für sie geht morgens immer noch die Sonne auf.

Falsches Bewusstsein: Eine Begriffsklärung von Joseph Vogl

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