Über die #NewWork Pharisäer oder warum Onkel Tom Freiheit nicht denken kann

„The grabbing hands grab all they can
All for themselves – after all
It’s a competitive world
Everything counts in large amounts“
(Depeche Mode, Everything Counts)

Am 22. Mai wurde auf dem vom Winfried (Felser) moderierten Event der Detecon International GmbH, das bereits als neuer Hype gelobhudelte Buch ‚New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt‘ von Benedikt Hackl et al. vorgestellt.

Winfried plädierte gemäß der Tradition des Alten Testaments für mehr Heiligen Zorn in der #NewWork Debatte. Auch das Neue Testament steht ganz in der Linie dieses Alten Bundes.

Im Sinne dieser Neutestamentarischen Tradition folge ich dem Aufruf Winfrieds‘, der neuen heiligen Ikone der #NewWorker, und trage erneut My Two Cents zur Debatte bei.

Bereits in meinem zweiten Gedankenfragment zur Blogparade #NewWork17 von Winfried, hatte ich mich mit dem o.g. Buch beschäftigt. Dort hatte ich darauf hingewiesen, dass es ohne eine tiefergehende Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Arbeits- und Entfremdungsbegriff von Onkel Marx, keine ernsthafte Theorie über die Zukunft der Arbeit geben kann. Dass dies in der aktuellen #NewWork Debatte auch weiterhin nicht passieren wird, hat die Antwort von Benedikt Hackl auf Winfrieds Frage, ob es sich bei #NewWork eventuell um einen Formwechsel der Knechtschaft handeln würde, gezeigt:

„Soweit würde ich nicht gehen, von Knechtschaft zu sprechen.“

Und führt weiter aus, dass die Studien der letzten Jahre gezeigt haben, dass das Commitment und die Begeisterung für #NewWork sinkt und nur noch bei knapp 50% liegt. Um im Anschluss direkt wieder die Schuld dafür im Mindset der zu Erlösenden zu suchen.

Dieses Argumentationsmuster, dass eine konkret kritische Frage wieder mit einem lapidaren Satz beiseiteschiebt und business as usual weiter argumentiert, assoziiert bei mir das Musterbild des Pharisäers. Wer oder was waren aber die Pharisäer, die sich Jesu Zorn zuzogen?

Die Tora – das jüdische Gesetz – war in Hebräisch geschrieben, aber die Menschen zur Zeit Jesu sprachen und verstanden nur Aramäisch. Also bildete sich ein neuer Stand heraus, der das Gesetz verwaltete und seine Umsetzung im täglichen Leben in Vorträgen und öffentlichen Diskussionen erklärte. Dies waren die pharisäischen Schriftgelehrten und die Gesetzeslehrer, die ihre Anhängerschaft insbesondere in der Mittelschicht, also im Kleinbürgertum hatten. Für die Pharisäer sollte der wahre Gläubige nur dem Gesetz dienen, da es das Gesetz Gottes war.

Jesus stritt sich vor allem mit den Pharisäern um die praktische Auslegung der heiligen Gesetze. Er war ihnen gegenüber meist zornig aggressiv (auf jemanden zugehen; sich nähern), weil er für seine menschlichen Werte und erlösenden Ziele kämpfte.

Angelpunkt der Diskussion war immer, ob das Gesetz für den Menschen da ist oder der Mensch für das Gesetz und wie Gott zu huldigen ist. Dies bringt am besten die Geschichte über das Sabbatgebot in Markus 2,27 zum Ausdruck:

„Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“

Dies zeigt den fundamentalen Widerspruch zwischen Jesus und den Pharisäern. Es geht letztendlich um das Primat von Mensch oder Gesetz. In diesem Zuge auch um das richtige Gottesverständnis. Entweder Gott als abstrakter Herrscher oder als neuplatonisch liebende Vaterfigur. Diese Analogie lässt sich auch auf die #NewWork Debatte übertragen.

Wem oder was dient eigentlich #NewWork? Ist #NewWork für den Menschen da, oder der Mensch für #NewWork?

Gemäß den pharisäischen Apologeten des #NewWork Establishments handelt es sich bei #NewWork um eine Antwort auf eine unvermeidbare und tiefgreifende Veränderung (#Disruption) in der gesellschaftlichen Makroebene, auf die sich die Unternehmen und Mitarbeiter (Mesoebene) in Form von #NewWork wappnen und umstellen müssen.

Sprich, da haben wir wieder die naturwüchsige („göttliche“) disruptive Macht der Digitalisierung und Automatisierung, der sich alle anpassen und unterordnen müssen.

Dass es sich hierbei um einen ideologischen Herrschaftsdiskurs handelt, zeigen schon die Verwendung des Disruptionsbegriffs, der nichts anders ist als ein Werbeslogan der Kalifornischen Ideologie des Silicon Valley und die Darstellung menschengemachter Entwicklungen als naturgegeben.

Damit demaskieren sich die Pharisäer selbst und zeigen wessen Diener und wes Geistes Kind sie sind. Es geht nämlich um nichts weniger als um die Reproduktion des Akkumulations- und Kapitalfetischs (Götze) und somit der Erhaltung und Fortführung der Erwerbsarbeit (Götzendienst).

„Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!“ (MEW, Bd. 23, S. 621)

Im Gegensatz zu Hackl et al. plädiert Markus Väth in seinem Buch ‚Arbeit – die schönste Nebensache der Welt: Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert‘ wenigstens geradeheraus für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Die ganze Debatte richtet sich auch nur an eine privilegierte Gruppe von Arbeitnehmer_innen, die sogenannten Wissensarbeiter_innen. Die von den digitalen Rationalisierungsprozessen bedrängten und erniedrigten Individuen in prekären Beschäftigungsverhältnissen kommen nicht in den Genuss des Neuen Arbeitens, für sie bleibt es gemäß Aldous Huxley nur die Schöne Neue Arbeitswelt.

Aus diesem Grund braucht die ganze Debatte dringend mehr Heiligen Zorn. Und wer wäre da besser geeignet als der Gegenspieler der Pharisäer.

Jesus war nicht nur ein Gegner des Akkumulationsfetischs wie seine Tempelaktion beweist, er plädierte auch für die Abschaffung der Erwerbsarbeit:

„Seht euch die Lilien an: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht.“ (Lukas 12,27)

Außerdem richtete sich seine ganze Missionstätigkeit primär an die Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft, denn ihr Leid war von dieser Welt. Als jüdischer Messias wollte er auch nichts weniger als das Himmelreich auf Erden.

Allen emanzipatorischen Utopien geht es vorrangig um nichts weniger als die Emanzipation und die größtmögliche Handlungsfreiheit eines jeden Individuums. Deswegen braucht die Debatte neben dem Heiligen Zorn, auch dringend konkrete utopische Forderungen.

Aber warum tun das die Pharisäer nicht? Weil sie es nicht können. Es ist ihre ökonomische Charaktermaske die da spricht, denn auch sie haben ökonomische Interessen und sind den stummen Zwängen der ökonomischen Verhältnisse unterworfen. Und aufgrund ihres notwendig falschen Bewusstseins können sie nicht die Fesseln sehen, geschweige denn spüren. Sie sind wie Onkel Tom:

Eines Tages, als sich die Möglichkeit zur Flucht bot, rannte Kunta Kinte zu Onkel Tom.

„Onkel Tom, lass uns fliehen“.
„Warum sollen wir fliehen Kunta? fragte Onkel Tom“
„Damit wir frei sind!“ schrie Kunta freudig.
„Aber wir sind doch frei!“ erwiderte Onkel Tom. „Schau wird dürfen im Gegensatz zu den Baumwollpflückern im Haus schlafen, müssen keine Ketten tragen, dürfen die leckeren Reste essen und der Massa peitscht uns nicht. Er behandelt uns gut und wir können uns frei bewegen.“

Was uns diese fiktive Geschichte sagt? Unsere kapitalistische Produktionsweise hat uns so nachhaltig geformt und exponentiell entfremdet, dass sie selbst unsere tiefsten Bedürfnisstrukturen so verändert hat, dass sie ihren Verwertungsbedürfnissen entspricht und wir nicht einmal mehr in der Lage sind, jenseits der Verwertungslogik zu denken.

Rousseau irrte als er behauptete der Mensch sei frei geboren, aber er hatte recht, dass der Mensch überall in Ketten liege. Und manch einer würde die Knechtschaft nicht einmal erkennen, wenn sie ihm mit einem Brandeisen auf die Stirne gebrannt würde, geschweige denn ihre Formwechsel. In diesem Sinne…

„Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“ (George Orwell, 1984)

3 thoughts on “Über die #NewWork Pharisäer oder warum Onkel Tom Freiheit nicht denken kann

  1. Kreative Zerstörung bzw. Zerstörung und dann Kreation druch Heiligen Zorn und Utopien. Es reicht nicht zornig zu sein, wenn wir keine Alternativen haben … Wir müssen unsere Zorn über die Irrwege formulieren, aber dann auch ein Vision von einer anderen Zukunft und einem Weg dahin haben.

  2. Weil sie Jesus erwähnen: Ein wichtiger, brutal radikaler, zorniger Text über #Nächstenliebe von #Kinsky mit Musik von #GüMix – wert gehört zu werden!

    https://www.mixcloud.com/guemix/g%C3%BC-mix-meets-klaus-kinsky-jesus-christus-erl%C3%B6ser/

    Jesus Christus Erlöser ist eine Rezitation von Klaus Kinski, uraufgeführt im Jahr 1971. Thema ist das Neue Testament, der vorgetragene Text ist von Kinski selbst verfasst. Ein Großteil des Textes ist direkt aus dem Neuen Testament übernommen, insbesondere werden Reden Jesu verwendet. Der Vortrag fängt mit den Worten „Gesucht wird Jesus Christus“ an, aus der Perspektive einer polizeilichen Suche nach Jesus Christus.
    Bekannt ist das Stück durch die kontroverse Uraufführung und indirekt dadurch, dass 1999 eine von den Erben Kinskis nicht genehmigte Veröffentlichung von Tonaufnahmen der Uraufführung verboten wurde. Ausschnitte des Mitschnittes werden im Dokumentarfilm Mein liebster Feind von Werner Herzog gezeigt. Einzelne Zuschauer provozierten Kinski mit Zwischenrufen und störten die Vorstellung. Kinski beschimpfte diese und brach die Veranstaltung ab, um Stunden später noch einmal von vorne anzufangen und vor stark reduziertem Publikum den Monolog komplett vorzutragen.

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