Über Aufrichtigkeit oder warum #NewWork eigentlich #NewLabor ist

„Die Arbeit kömmt nur unter der Gestalt der Erwerbstätigkeit in der Nationalökonomie vor.“ (MEW, Bd. 40, S. 477)

„Die englische Sprache hat den Vorzug, zwei verschiedne Worte für diese zwei verschiednen Aspekte der Arbeit zu haben. Die Arbeit, die Gebrauchswerte schafft und qualitativ bestimmt ist, heißt work, im Gegensatz zu labour; die Arbeit, die Wert schafft und nur quantitativ gemessen wird, heißt labour, im Gegensatz zu work.“ (MEW, Bd. 23, S. 61 ff.)

Dieses sechste Gedankenfragment über die sogenannte Neue Arbeit oder Arbeit 4.0 wird vorerst der letzte Beitrag zum Themenkomplex #NewWork sein. Ich komme hiermit Winfrieds Aufforderung nach, meinen Gedankengang zu den Begrifflichkeiten Work und Labour, nachträglich schriftlich (digital) zu fixieren und für mehr Aufrichtigkeit zu plädieren.

Wie Siegfried (Lautenbacher) und Alexander (Klier), bin auch ich ein „Begriffspedant“. Warum Begriffe so wichtig sind, können Interessierte in diesem Gedankenfragment nachlesen.

Auch in der aktuellen Blogparade #NewWork17 geht es notwendigerweise um Begriffsbesetzung, Begriffsbedeutung und -deutung, also um Aneignung und Deutungshoheit. Aber selbst der Urheber des #NewWork Konzeptes Frithjof Bergmann hat keinen Monopolanspruch auf den Begriff #NewWork. In ihrem Beitrag haben Siegfried und Alexander die Unzulänglichkeiten und Widersprüche Bergmanns gekonnt herausgestellt und zu einer notwendigen Emanzipierung von ihm aufgerufen.

Beim Themenkomplex Arbeit, handelt es sich nun einmal um ein sehr umfangreiches und komplexes Thema. Ein Thema welches eigentlich eine systemisch dialektische Beschäftigung verdient hätte. Dafür ist selbstverständlich in einer Blogparade und einigen Bücherveröffentlichungen nicht ausreichend Platz. Jedoch wäre eine aufrichtige und ernstgemeinte Diskussion schon einmal eine hilfreiche Inspiration. Interessierte können sich gerne Leseanregungen aus der Knowledge Base holen, die sukzessive upgedatet wird.

Aber in Zeiten von Twitter, Facebook und Co. fällt es schon schwer Blogbeiträge vollständig zu lesen, geschweige denn zu verstehen. Aber wie sagte mein Onkel immer: „Du warst der Einzige der mich verstanden hat, aber leider hast Du mich falsch verstanden.“

Im Deutschen kennen und benutzen wir meist das Wort Arbeit als Universalbegriff. Es bezeichnet einerseits eine produktive Tätigkeit, ein zweckgerichtetes Handeln, andererseits eine Aufgabe, eine Arbeitsstelle und einen Arbeitsplatz. Es steht aber auch für Ergebnis, Werk oder Produkt. Selbst Friedrich Engels konnte sich eine Kritik bezüglich dieses Verwendungswirrwarrs nicht verkneifen:

„Es konnte mir nicht in den Sinn kommen, in das „Kapital“ den landläufigen Jargon einzuführen, in Welchem deutsche Ökonomen sich auszudrücken pflegen, jenes Kauderwelsch, worin z.B. derjenige, der sich für bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben läßt, der Arbeitgeber heißt, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm für Lohn abgenommen wird. Auch im Französischen wird travail im gewöhnlichen Leben im Sinn von „Beschäftigung“ gebraucht. Mit Recht aber würden die Franzosen den Ökonomen für verrückt halten, der den Kapitalisten donneur de travail, und den Arbeiter receveur de travail nennen wollte. (MEW, Bd. 23, S. 34)

Doch scheint dem General entgangen zu sein, dass selbst das von ihm bewunderte Lockengenie das Wort Arbeitgeber im besagten Werk selbst an einer Stelle benutzt hat. Aber egal.

Etymologisch geht das Wort zurück auf das Germanische und bedeutet Mühsal, Plage, Leid. Es hat auch eine Verbindung zum Begriff verwaist, Waise. Also bedeutet der Begriff ein verwaistes Kind, dass aus Not zu harter Arbeit gezwungen ist. Diese Bedeutung sagt nicht nur etwas über die Gesellschaftsformation, in der der Begriff erzeugt und definiert wurde, sondern er trifft im Kern auch die heutige Problematik unserer Produktionsweise. Über das Altslawische „rabota“, welches Knechtschaft, Sklaverei bedeutet, wurde es dann zum Roboter. Und somit zum Verb „roboten“ wie Start-Upper abfällig die fremde Arbeit bezeichnen, die sie sich aneignen.

Das Pendant zum deutschen Arbeiten wäre im Englischen der Begriff Labour. Laut dem Oxford Dictionary kommt es aus dem Altfranzösischen und hat seinen Ursprung im Lateinischen. Damit wäre auch die eigentliche Bedeutung von Kollaboration geklärt. Nur mal so als Anmerkung für alle Collaboration Fans.

Im Gegensatz zum Deutschen gibt es im angelsächsischen Sprachraum noch das Wort Work/Working. Welches aus dem Mittelenglischen kommt und seinen Ursprung im Germanischen und im Indoeuropäischen hat. Es bedeutet wirken, werken, wirksam, wirkend. Auch der Begriff Wirklichkeit – die Begriffe Wirklichkeit und Bildung gibt es übrigens nur im Deutschen und beide sind von Meister Eckhart – geht darauf zurück. Werken bedeutet aber auch werden. Ob als Subjekt oder Objekt. Also ein dialektischer Prozess. Auch der Begriff der Würde geht etymologisch auf Werden zurück. Somit kann zusammenfassend gesagt werden:

  • Alle Begriffe, die auf den Wortstamm labour/lobar zurückgehen, haben etwas mit Zwang, Not, Leid, Knechtschaft, usw. zutun. Es handelt sich hierbei um die notwendige, sklavische Arbeit. Also um Lohn- und Erwerbsarbeit. Sie ist charakterisiert durch Erduldung, Entfremdung und Fremdbestimmung.
  • Alle Begriffe aus der Wortfamilie work/werk haben etwas mit Wirksamkeit, mit Werken, mit Werden und Würde zu tun. Es ist die anziehende Tätigkeit, das Hobby, bei dem Raum und Zeit vergessen wird. Sie ist charakterisiert durch Freiheit, Spiel und Selbstbestimmung.

Wobei handelt es sich also dann bei #NewWork? Wie bereits Onkel Marx im Anfangszitat festgestellt hat, meinen die Vordenker, Influencer, selbsternannten Propheten und Hofnarren des #NewWork mit Arbeit nichts Anderes als Labour/Labor. Mit ihren Begriffsverflüssigungen wollen sie nur verschleiern, dass sie aus den Arbeitnehmer_innen Unternehmenshobbyisten machen wollen. Aber sie vergessen, dass eine Verflüssigung der Begrifflichkeiten unweigerlich auch eine Verflüssigung des Denkens mit sich bringt.

Als Legitimationsgrundlage für das neue Geschäftsfeld #NewWork dienen neben den „Naturereignissen“ Digitalisierung, Industrie 4.0 und Automatisierung, der Neusprech von der human-/mitarbeiterzentrierten Unternehmensorganisation als ganzheitliche Transformation. Als wenn es wirklich um die Interessen der Arbeitenden gehen würde. Keine Frage, sollte als Abfallprodukt der aktuell gehypten Heilsversprechen, den arbeitenden Individuen mehr Freiraum, Selbstbestimmung und Autonomie ermöglicht werden, wäre dies zu begrüßen. Doch das wird nicht passieren, genauso wenig wie das Internet automatisch mehr Partizipation und Transparenz für die Bürger_innen gebracht hat. Ein Diskurs ohne Berücksichtigung der strukturellen Macht- und Herrschaftsstrukturen ist nichts Anderes als Ideologie.

Die Muster scheinen aber immer dieselben zu sein, sie sind so alt wie die gesellschaftlichen Interessenskonflikte selbst:

„Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen.“ (MEW, Bd. 3, S. 47)

Also braucht die ganze #NewWork Debatte nicht nur mehr Heiligen Zorn, konkrete utopische Forderungen, sondern zuallererst Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen, damit aus #NewWork nicht ganzheitliche Ausbeutung und Kontrolle 4.0 wird.

Dass Unternehmen Profit machen und arbeitende Individuen Geld verdienen müssen, ist Realität und Alltagsbewusstsein. Ebenso, dass daraus Konflikte entstehen. Die Lösungen hierfür liegen aber nicht in der Vernebelungs- und Verschleierungstaktik der Coaching- und Beratungsindustrie, sondern ganz woanders. Aber das ist Thema eines anderen Diskurses (#NewEconomy).

Deswegen mein Schlussappel: Lasst uns einfach aufrichtig sein und die Dinge beim Namen nennen. Oder glauben wir wirklich, dass die Betroffenen die ganze Marketingmaschinerie nicht durchschauen? Dann sind wir überheblicher, selbstgerechter und realitätsferner als die ganze Debatte vermuten und erahnen lässt. In diesem Sinne…

„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“ (Ingeborg Bachmann)

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