Über die Kreativitätslosigkeit und G‘-Mentalität des „linken“ Presse- und Verlagswesens

Ein Diskussionsanstoß

„…ist die Presse frei, die sich zum Gewerbe herabwürdigt?“ (MEW Bd. 1, S. 70)

„Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein. Dem Schriftsteller, der sie zum materiellen Mittel herabsetzt, gebührt als Strafe dieser inneren Unfreiheit die äußere…“ (MEW Bd. 1, S. 71)

Warum dieser Beitrag? Weil er mehr als überfällig und es endlich Zeit ist das Phänomen der G‘- und Gewerbementalität und die damit zusammenhängende Kreativitätslosigkeit der „linken“ Zeitungen und Buchverlage zu thematisieren. Also geht es um Glaubwürdigkeit und Selbsttäuschung und um Digitalisierung im wahrsten Sinne des Wortes und Anonymität. Das Thema beschäftigt mich persönlich schon seit etlichen Jahren und die Überschrift geistert ebenso lang schon durch meine Bahnungen. Ausgelöst durch ein „Twitter-Scharmützel“ bricht er sich nun Bahn.

Vorab

Was bedeutet linke Politik und was ist ihr Ziel? Linke Politik bedeutet sich der Sozialen Frage anzunehmen und die herrschenden sozioökonomischen Gesellschaftsverhältnisse vom emanzipatorischen und gesellschaftskritischen Standpunkt aus zu thematisieren, zu kritisieren und Alternativen und Wege aufzuzeigen dieses gesellschaftliche Reich der Notwendigkeiten zu überwinden. Ihr Ziel ist die allseitige und umfassende Emanzipation eines jeden Individuums. Also das Reich der Freiheit aufzuzeigen und sich dorthin aufzumachen. Dies passiert indem die Individuen erstens ein Bewusstsein von den sie unterdrückenden und ausbeutenden Verhältnisse bekommen und zweitens gemeinsam alternative Möglichkeiten zu ihrer Selbstbefreiung entwickeln. Sprich, dass sie ein Klassenbewusstsein und eine emanzipatorische Praxis entwickeln. Voraussetzung für Bewusstsein ist gemäß materialistischer Informationstheorie Wissen, welches wiederum auf Informationen basiert. Was passiert aber mit Informationen und Wissen in Gesellschaften in denen kapitalistische Produktionsweise vorherrscht? Sie sind ohne alternative Räume und Möglichkeiten der G‘- und Akkumulationslogik unterworfen. Somit nicht frei zugänglich und die nach Emanzipation dürstenden Individuen sind von ihnen ausgeschlossen, weil sich der Zugriff auf diese hinter einer Paywall befindet. Selbst jene im „linken“ Gewand“.

Status Quo

Die aktuelle Lage des sogenannten „linken“ Presse- und Verlagswesens entspricht genau diesem Bild. Nehmen wir beispielsweise die beiden führenden linken Tageszeitungen in Deutschland. neues deutschland (nd) und junge Welt (jW). Dass Artikel aktueller Ausgaben mit einer Paywall bzw. Abowall geschützt sind, lässt sich noch halbwegs nachvollziehen, aber dass ältere Artikel im Archiv ebenso nur gegen Bezahlung zugänglich sind und sogar das nd-Archiv von 1946-1990 nicht frei zugänglich ist, lässt weit blicken. Bei der jW sind meist neuere Artikel in der Regel nach 1-2 Tagen frei zugänglich und verschwinden dann erst nach einer bestimmten Zeit hinter der Bezahlmauer. Beim nd scheint dies aktuell auch Praxis zu sein. Wer sich mit beiden Zeitungsportalen länger beschäftigt, weiß auch das diese in der Vergangenheit schon einiges ausprobiert haben. Die bürgerlichen Tageszeitungen, von denen einige bis vor kurzer Zeit noch Vollzugriff aufs Archiv erlaubten, sind im selben Findungsmodus.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass man sogar bei einem Onlineabo seinen Klarnamen und seine Adressdaten hinterlegen muss und nur klassische Bezahlfunktionen (bspw. Lastschrift, Rechnung) angeboten werden. Und das in Zeiten der Post-Snowden-Enthüllungen und indem Big-Dat maßlos um sich greift. Beide Tageszeitungen sind sogar in vielen Punkten Vorreiter in der Kritik und Berichterstattung über diesen Themenkomplex, aber haben selbst nichts bezüglich anonymisierten Abo- und Bezahlmöglichkeiten zu bieten. Aber wenigstens haben sie schon einmal den digitalen Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft, was man vom „linken“ Verlagswesen nicht behaupten kann.

So gut wie alle namhaften Verlage des „linken“ Buchwesens haben kein Digitalsortiment oder es ist so klein und belanglos, dass man sich das auch sparen könnte. Warum eigentlich? An der digitalen Technologie selbst kann es nicht liegen, denn die Bücher werden wohl in elektronischer Form an den Verlag gesendet und meist als PDF in die Druckerei geschickt. Oder passiert das alles noch als klassische Schriftsetzerei? Natürlich nicht. Der einzige Grund ist die verdammte G‘-Mentalität. Wenn digitale Kopien verkauft werden, sind sie irgendwann natürlich auch frei im Netz verfügbar. Also wird beharrlich die Digitalisierungsmöglichkeit verweigert. Wenn es linke eBooks gibt, dann sind sie der Anstrengung Unbekannter zu verdanken. Wie Beispielsweise die elektronischen MEW und Mega², die im Netz runtergeladen werden können. Beim Karl Dietz Verlag Berlin gibt es lediglich eine USB-Version der MEW zum Preis von 99,- €.

Aber auch bei den meisten Theoriezeitschriften sieht es nicht besser aus. Eine digitale Ausgabe der Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung sucht man vergeblich, auch das Archiv ist nicht digitalisiert und um einen Artikel zu lesen, muss man sich ein altes Heft als „totes Holz“ bestellen, natürlich unter Angabe von Klarnamen und Adresse. Bei den Zeitschriften, bei denen das Archiv teilweise digitalisiert und frei zugänglich sind, vermisst man wiederum die Kaufmöglichkeit einer aktuellen digitalen Ausgabe. Siehe PROKLA. Interessierte müssen drei Jahre warten, um diese dann im Archiv runterladen zu können.

Rühmliche Ausnahmen im linken Spektrum sind die Wochenzeitung Jungle World und die Zeitschrift Gegenstandpunkt. Alle Ausgaben und Artikel der Jungle World sind digitalisiert und frei zugänglich. Seit neuestem sogar mit PDF-Funktion wie ehemals bei der Zeit. Auch das Archiv des Gegenstandpunktes ist digitalisiert und frei zugänglich. Sogar die alten Sachen aus MG-Zeiten und das MEW als klassisches Textformat. Alle aktuellen Bücher des Verlags sind als digitale Ausgaben erwerblich.

Wie geht’s weiter?

Wie oben bereits konstatiert liegt das Hauptproblem des „linken“ Presse- und Verlagswesens in der Tatsache, dass es zum Gewerbe verkommen ist und sich somit selbst diskreditiert. Glaubwürdigkeit, insbesondre in den jetzigen Zeiten ist essentieller denn je für eine soziale und emanzipatorische Zukunftsalternative und deren politische Praxis. Genauso essentiell wie der freie Zugang zu gesellschaftskritischem Wissen und bewusstseinsfördernden Informationen.

Wie bereits die obigen Zitate von Onkel Marx situationsbezogenen interpretiert zeigen, ist der Schritt ins Gewerbe unweigerlich mit dem sich den ökonomischen Zwängen ausliefern verbunden. Wenn der freie, digitale und anonyme Zugang zu bewusstseinsförderndem Wissen und Informationen weiterhin verweigert wird, ist das Lamentieren über neokonservativen Rechtsruck und spätkapitalistischer Atomisierung hinter Bezahlmauern nichts als intellektuelle Heuchelei. Denn solange gesellschaftskritisches und emanzipatorisches Wissen der G’- und Gewerbementalität untergeordnet wird, bleibt nicht nur die Zukunft aus, sondern den täglichen Realitätszumutungen wird sogar ein kritisches Wort versagt.

Der äußere Zwang kann nur mit gemeinsamer und kreativer Anstrengung aller linker Presse- und Buchverlage durchbrochen werden. In Form von Crowdfunding und -sourcing oder Genossenschaften etc.  Ob es sich nun um anonyme und plattformübergreifende Zugangs- und Bezahlsysteme handelt wie Prepaid oder Onlineabos oder andere kreative Nutzungsmöglichkeiten.

Es wird Zeit den eigenen emanzipatorischen Ansprüchen gerecht zu werden oder gemaß der eigenen G‘-Mentalität weiter folgend: „Après moi le déluge! (MEW Bd. 23, S. 285)

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